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Einmal bitte in die Seele schauen

Hannover/Schwerin Einmal bitte in die Seele schauen

Der Dokumentarfilm „Die Prüfung“ von Till Harms zeigt das Auswahlverfahren an der Schauspielschule Hannover. Vor dem Kinostart ist er auf dem Filmkunstfest MV zu sehen.

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Hannover/Schwerin. Viele wollen es, nur wenige schaffen es. Der Beruf des Schauspielers ist begehrt, der Bedarf an Schauspielern jedoch überschaubar. Eine große Hürde steht ganz am Beginn des Berufslebens: die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule.

OZ-Bild

Der Dokumentarfilm „Die Prüfung“ von Till Harms zeigt das Auswahlverfahren an der Schauspielschule Hannover. Vor dem Kinostart ist er auf dem Filmkunstfest MV zu sehen.

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Vom 3. bis 8. Mai ist

„Die Prüfung“ beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin zu sehen. Am 17. Mai kommt der Film bundesweit

in die Kinos.

Till Harms

Der Regisseur Till Harms, 1970 geboren, stammt aus München. Seine Arbeit im Bereich Theater begann der Bayer als Lektor, Regieassistent und Mitarbeiter für Video-Visuals. Sein erster Dokumentarfilm „11 und 12“ (1999) erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer Dissidentin und ihrem Vernehmer bei der Staatssicherheit. „Die Prüfung“ ist Till Harms zweiter Dokumentarfilm.

Das ist in der Regel ein ziemlich geheimes Verfahren, dessen Ablauf nur wenige Eingeweihte und Betroffene kennen. Die Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover hat jedoch vor drei Jahren ihre Türen geöffnet und einem Dokumentarfilmer die Möglichkeit gegeben, bei der mehrtägigen Aufnahmeprüfung dabei zu sein. Jetzt kommt „Die Prüfung“ von Till Harms in die Kinos.

687 Bewerber gab es 2013, nur zehn Plätze waren zu vergeben. Die Prüfung dauert Tage, in immer neuen Gruppen und Konstellationen wird immer wieder neu ausgesiebt. Wer es am Ende geschafft hat, darf sich glücklich schätzen. Das zeigt die erste Szene des Films: Schauspielprofessor Titus Georgi ruft eine der Bewerberinnen an, um ihr zu sagen, dass sie an der Schauspielschule aufgenommen ist. Die junge Frau kann es gar nicht fassen. Sie fragt mehrfach nach, dann beginnt sie zu weinen.

Andere Bewerber mussten sich, nachdem sie auf der Bühne des Studiengangs Schauspiel an der Expo-Plaza alles gegeben hatten, mit einem schmallippigen „Danke, bis dahin“ und einem „Ich hoffe, es klappt woanders“ zufriedengeben. Die Ablehnung von Schauspielern ist nichts Ungewöhnliches, sie kann aber tiefe Wunden hinterlassen, schließlich geht es immer auch um die Identität des Kandidaten.

Wie die Abgewiesenen mit dem Urteil der Kommission umgehen, schildert der Film nicht. Regisseur Till Harms lässt die abgelehnten und angenommenen Schauspielschüler kaum zu Wort kommen. Ihn interessieren eher diejenigen, die nicht im Scheinwerferlicht stehen. Sein Fokus liegt auf den Lehrenden der Schauspielschule, die die Prüfungskommission geben.

In der Finalrunde diskutieren die neun Jurymitglieder — sichtlich erschöpft — über die verbleibenden Kandidaten. Jeder hat so seine Favoriten. Erstaunlicherweise herrscht an den Rändern des Spektrums immer schnell Einigkeit. Man weiß genau, wer besser nicht auf der Bühne oder vor der Kamera stehen sollte. Man weiß genau so sicher, wer da unbedingt hingehört. Bei einigen Kandidaten war die Sache sofort klar: Die müssen spielen. Leider hatten einige von denen, für die sich die Prüfer mit großer Mehrheit entschieden hatten, am Ende doch andere Pläne: Mancher entschied sich für Leipzig. So hatten Nachrücker eine Chance. Die Zuschauer im Kino können in dem Film Schauspieler kennenlernen, die womöglich eine große Zukunft haben. Meist weiß man gleich, wer das ist. Moritz Leu zum Beispiel.

Der junge Mann ist ein Charakterkopf, ein bisschen verhuscht, ein bisschen rotzig-jungenhaft und ganz merkwürdig sanft. 2013 hat er sich in Hannover beworben. Die Kommission hat sich — aus Gründen, die im Film nicht klar werden — gegen ihn entschieden. Peinlich wäre es, wenn der bald groß herauskommen würde. Insofern ist der Mut der Lehrenden zu bewundern, dem Dokumentarfilmer Einblick in ihre Arbeit zu geben und öffentlich zu machen, was vielleicht besser im Geheimen und Ungefähren bleiben sollte. Auch, weil es sich so schwer in Worte fassen lässt. Wonach suchen sie eigentlich?

Lernbereitschaft, Offenheit, Beweglichkeit, Team- und Kritikfähigkeit — ist ja klar. Aber der Rest, was ist das? Was macht einen guten Schauspieler aus? Charisma? Aura? Magie? Die Kraft, jemanden über Distanz zu berühren? Die Gabe, einen Raum zu beherrschen? Besondere Stimme? Durchlässigkeit? Wandelbarkeit? Risikobereitschaft?

Den Prüfern fällt es schwer, das, was sie suchen, in Worte zu fassen. Von „Präsenz“ ist oft die Rede und vom „Strahlen“. Einmal spricht der Bewegungslehrer von „Haltepunkten“. An solchen Haltepunkten, an denen die Bewegung abbricht, sagt er, sei es möglich, dem Schauspieler „in die Seele zu schauen“. Das muss man glauben. Jedenfalls müssen es die angehenden Schauspieler glauben. Wenn nicht, heißt es „Ich hoffe, es klappt woanders.“

Von Ronald-Meyer-Arlt

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