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Einreiseverbote gelten in der Fantasie nicht

Berlin Einreiseverbote gelten in der Fantasie nicht

Das Kino als gesellschaftlicher Seismograf – wie politisch soll die Berlinale sein?

Berlin. Politik und Kino? Mancher „Fifty Shades of Grey“-Fan dürfte da beim Griff in die Popcorn-Tüte irritiert mit den Schultern zucken, bei der Berlinale aber gehört beides zusammen. Schon die Gründung des 67. Festivals, das gestern eröffnet wurde, war ein politischer Akt: Als glitzerndes Schaufenster des Westens wurden die Internationalen Filmfestspiele Berlin 1951 erfunden. Die Konfrontation zwischen Ost und West fand auf dem roten Teppich statt.

Schnell mauserte sich das Festival zur politischen Bühne – anders als geplant auch mit heftigen US-kritischen Tönen. Gary Cooper protestierte gegen die antikommunistischen Hexenjagden eines Senators McCarthy – und wurde im Ostteil der geteilten Stadt Augenzeuge des Aufstandes vom 17. Juni 1953. Ein halbes Jahrhundert später wetterte Dustin Hoffman gegen die Lügen in Zeiten des Irak-Krieges.

Heute ergreift die Berlinale Partei für die Entrechteten und Verfolgten. In ihren Herkunftsländern drangsalierte Regisseure, wie der iranische Bären-Sieger Jafar Panahi, bekommen öffentlichkeitswirksame Rückendeckung. Im Vorjahr holte sich die Lampedusa-Flüchtlingsdoku „Seefeuer“ den Goldenen Bären. Jury-Präsidentin war Meryl Streep, die jüngst bei der Golden-Globe-Gala dem neuen US-Präsidenten die Leviten las. Ausgerechnet in der Kapitale der US-Traumindustrie bekam man einen Eindruck davon, wie die Pflicht zur Einmischung den Glamour überlagerte.

Die sich traditionell politisch verstehende Berlinale wird in den kommenden zehn Tagen manches Zeichen gegen den realen Wahnsinn setzen – und mancher Cineast wird sich wieder beklagen, dass die Filmkunst zu kurz kommt. Aber gibt es eine Alternative? Soll sich das Kino in eine dunkle Höhle zurückziehen und die Angriffe auf Demokratie und Menschenrechte unkommentiert an sich vorüberziehen lassen? Und das in der Berlinale-Spielstätte Zoo-Palast, nur Meter vom Breitscheidplatz entfernt, wo ein Blumenteppich an die Opfer des IS-Terrors erinnert?

Kino funktioniert wie ein Seismograf. Es nimmt gesellschaftliche Erschütterungen auf und verwandelt sie im Idealfall in eine packende Geschichte. Es könne in Zuschauerköpfen mehr auslösen als jeder Youtube-Schnipsel, hat Regisseur Wim Wenders bemerkt. Man muss sich nur darauf einlassen: Auch der deutsche Oscar-Kandidat „Toni Erdmann“ ist politisch, wenn er vom Clash der Generationen am Beispiel eines Vaters und seiner Tochter erzählt.

Eine halbe Million Kinozuschauer macht sich in Berlin ein Bild von der Welt, in der wir leben. Schon der Eröffnungsfilm „Django“ erzählt von der Gefährdung eines Künstlers durch die Mächtigen. Das Festival lädt ein zu einem Trip über Grenzen und Zeiten hinweg. Einreiseverbote gelten in der Fantasie nicht. Und sage keiner, dass der Glamour deshalb zu kurz kommen muss: Allabendlich sorgen Stars wie Ewan McGregor, Penélope Cruz oder Hugh Jackman für die bunte Show. Stefan Stosch

OZ

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