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Elfriede Jelinek knöpft sich Trump vor

Probelauf einer Abrechnung Elfriede Jelinek knöpft sich Trump vor

16 von 92 Seiten - mehr bekommen die Zuschauer in New York bei der ersten Lesung von „Am Königsweg“ nicht zu hören. Herausfordernd ist Elfriede Jelineks Stück über Donald Trump schon jetzt. Das Hamburger Publikum kann sich bei der Premiere auf etwas gefasst machen.

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Frank Hentschker (l-r), Direktor des Martin E. Segal Theatre Centers, Regisseur Stefan Dzeparoski, Übersetzerin Gitta Honegger und Schauspielerin Masha Dakic nach der Lesung aus dem Jelink-Stück „Am Königsweg“.

Quelle: Johannes Schmitt-Tegge

New York. Ein verhasster König, der das gemeine Volk verachtet. Ein Mann der Macht, der alles, was ihm im Weg steht, zerbricht und am Widerstand seiner Gegner nur wächst.

Ein twitternder Blinder, der alles zu wissen glaubt und die Stimmen der Massen stiehlt, weil er keine eigene hat. Eine Showfigur, die ihr wahres Gesicht nie zeigt. Ein nach Geld gierender Herrscher, der sich im vergoldeten Aufzug direkt in den Himmel katapultiert hat.

Was Elfriede Jelinek von Donald Trump hält, ist nur wenige Minuten nach Beginn ihres neuen Stücks klar. „Am Königsweg“ hat sie es getauft und darin eine blinde, an die Muppet-Figur Miss Piggy erinnernde Seherin zum Leben erweckt, um die Ein- und Ausfälle des US-Präsidenten zu deuten. Schon in der stark gekürzten Fassung, die in englischer Übersetzung am Montag am Segal Theatre in New York vorgestellt wurde, prallen zwei Welten aufeinander.

Auf der einen Seite steht Jelinek, Literaturnobelpreisträgerin und eine der wichtigsten weiblichen Intellektuellen der Gegenwart. Auf der anderen steht Donald Trump, mächtigster Mann der Welt an der Spitze der einzig verbliebenen Supermacht. Hier die Autorin, die öffentliche Auftritte hasst und aus ihrem unscheinbaren Haus im Wiener Stadtteil Hütteldorf wirkt. Dort der frühere Baulöwe und Reality-TV-Star, der Aufmerksamkeit trinkt wie ein Lebenselixier und zwischen Penthouse, Golfclub und der Präsidentensuite pendelt.

„Schwergewichts-Champions in ihren jeweiligen Feldern“ sagt Frank Hentschker, Direktor am Segal Theatre. Und statt die Uraufführung im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg in Oktober abzuwarten, hat Jelinek ihren provokativen Kommentar Trump dort sozusagen gleich vor der Haustür abgeliefert - vom Segal bis zu seinem Wolkenkratzer an der Fifth Avenue sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Nicht umsonst hat sie dabei Motive vom Häuserbauen und Schuldenmachen in vielen Passagen des Stücks verwoben.

„Das Leben ist unerklärlich“, sinniert die Erzählerin. „Sie haben gewählt und wissen nicht, wen sie gewählt haben, obwohl sie selbst gewählt haben.“ Nun ist er da, die im Wahlkampf verlachte Zukunft ist zur Gegenwart gewachsen. Wut, Verwunderung, Fassungslosigkeit. Die Erzählerin fragt: „Kommt das aus seinem Gehirn oder ist es die Erfindung eines anderen?“ Selbst Woody Guthries „This Land Is Your Land“, die heimliche Nationalhymne der USA, gilt nun nicht mehr.

Es ist eine „Zukunft, die keine mehr ist“, meint Jelinek, die das Stück am Tag nach der Wahlnacht im November zu schreiben begann. „Alles ist auf den Kopf gestellt, ein Loch hat sich aufgetan. Etwas fehlt, aber es wird sicher bald gefüllt werden.“ Womit? „Revolution“, schlägt Schauspielerin Masha Dakić in der piepsigen Stimme von Miss Piggy vor. Das blonde, narzisstische Schweinchen im Abendkleid, dessen Stimme Dakić im Raum erklingen lässt, kichert und sagt dann aber quietschvergnügt: „Zu früh, um das zu beurteilen.“

Bis dahin muss dieses große Land, dessen Kultur Jelinek eigentlich so liebt, tapfer bleiben, zusammenhalten. „Es ist gespalten wie nie zuvor. Aber wo ist sein Spalt?“, fragt die Erzählerin. „Wir sind kurz davor, hineinzufallen und wollen entweder hier sein oder dort, links oder rechts der Schlucht.“ Klima, Steuern, Syrien, die Mauer an der Grenze zu Mexiko - Jelinek greift Trumps politische Schlagworte wörtlich, aber doch mit Leichtigkeit auf.

Selbst biblische Gestalten, darunter Israels Väter Abraham und Isaak und Jesus selbst, sowie den Nazi-nahen Philosophen Martin Heidegger führt die Seherin Trump auf ihrer Suche nach Wahrheit vor. Doch der verbiegt die Realität so schnell, wie er einen Tweet absetzt: „Sobald ich wieder liquide bin, kaufe ich die Wahrheit oder lease sie - was immer der bessere Deal ist.“ Dem Volk aber bleibt nach diesem Stück kaum mehr, als die Herrschaft des Königs auszusitzen.

dpa

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