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Endlich wieder Suppe nach all dem grellem Pop-Wackelpudding

Berlin Endlich wieder Suppe nach all dem grellem Pop-Wackelpudding

Mit „Joanne“ bringt Lady Gaga ihr viertes Soloalbum heraus / Nach dem musikalischen Absturz glückt ihr damit ein beherztes Popprojekt

Berlin. Ein Lied, gesungen mit dem unschuldigen Charme des Mädchens vom Land – von Lady Gaga, der New Yorkerin, die sich für jedes Interview ein neues Kleid anzieht und niemals ohne Visagistin vor die Tür geht. Dennoch klingt „Joanne“, als singe sie die Strophen ohne Lippenstift, als wären ihre Wimpern echt, als trage sie Gesundheitsschuhe.

„Joanne“ ist ein Bekenntnis zum Songwriting, dem nackten Gewerbe, das die Gitarre wie ein Schutzschild auf die Bühne trägt und mit Hundemiene von den traurigen Geschichten aus der alten Zeit erzählt.

Lady Gaga bleibt ein Paradiesvogel, aber ihr Pathos und die über-sexualisierte Aura reichert sie nun an mit nachhaltigen Werten. In „Joanne“, dem Titelstück des neuen, vierten Soloalbums, singt sie über ihre Tante, die mit 19 Jahren einer Autoimmunkrankheit erlag.

Das Todesdatum von Joanne, der Schwester ihres Vaters, steht tätowiert auf der Innenseite von Lady Gagas linkem Oberarm, 18.12.1974, zwischen den deutschen Zeilen aus einem Brief von Rilke: „Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben?“

Muss ich singen? Diese Frage hat sich Lady Gaga (30), bürgerlich Stefani Joanne Angelina Germanotta, häufiger gestellt. Ihr Album „Artpop“ (2013) war ein schlecht verrührter Pudding aus Mode, Trends und eitlem Krach. Es klang, als wolle sie der eigenen Jugend mit den Mitteln einer dekadenten Party ein Ende setzen, alles Geld mit Wucht und Verachtung auf den Kopf hauen. Sie ließ sich vom teuersten lebenden Künstler der Welt, Jeff Koons, das Cover designen, auf dem sie ihre Brüste mit blondem Haar und Händen bedeckt. Das Album war kommerziell und musikalisch ein Debakel.

Tony Bennett (90), Grandseigneur der leichten Muse, half ihr wieder auf die Beine – sie sangen Jazz-Standards, gekonnt, empfindsam, seriös. Es war, als esse Lady Gaga endlich wieder einen Teller Suppe, nachdem sie durchgehend von grellem Wackelpudding lebte. Es gibt wieder Vitamine in Lady Gagas Leben, das Wichtigste aber: Es gibt dieses Leben noch. Im Rock’n’Roll erreicht nicht jeder die 30. Die Produzenten dieses Albums haben Lady Gaga geerdet, ohne ihr die Flausen auszutreiben.

Was man an Popmusik von einer Frau erwartet? Lieber laszives Tanzen als die Welt zu retten, trotzdem Nachdenken über die weibliche Rolle in unseren Tagen und das Streuen von Zitaten anderer großer Frauen, zum Beispiel in Gagas neuem Stück „Dancin' in Circles“, das sie mit einem Echo von Madonnas „La Isla Bonita“ garniert. Was mit dem geglückten neuen Album nachgewiesen wird, ist ihr neu erwachter Ehrgeiz, den sie nicht zur Freakshow überhöht. Lars Grote

OZ

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