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Entführung aus dem Serail oder wie anstrengend es ist, tolerant zu sein

Rostock Entführung aus dem Serail oder wie anstrengend es ist, tolerant zu sein

Da hat das Volkstheater Rostock einen Coup gelandet, mit der Inszenierung von Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“: ein amüsanter Opernabend, ansehens- ...

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Jannes Philipp Mönnighoff als Diener Pedrillo und Theresa Grabner als englische Zofe Blonde.

Quelle: Dorit Gätjen/vtr

Rostock. Da hat das Volkstheater Rostock einen Coup gelandet, mit der Inszenierung von Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“: ein amüsanter Opernabend, ansehens- und anhörenswert, der beweist, wie man, trotz schmaler Ressourcen, mit Fantasie und Intelligenz wirksames Theater machen kann, das so manche Nachdenklichkeit anbietet.

Verantwortlich ist Babette Bartz (51) die in ihrer dritten Mozart-Inszenierung einen fesselnden Zugang gefunden hat, der ohne überdrehte Modernisierung das uns Gemäße aufspürt. Ihr Dreh: Die alte, im 18. Jahrhundert beliebte Geschichte der Befreiung entführter Europäer aus der Gewalt eines türkischen Pascha stellt sich dar als Abendveranstaltung eines Toleranz-Seminars, in dem in Rollenspielen unter der Anleitung eines Seminarleiters (Nils Pille) ausprobiert wird, was passiert, wenn man dem Fremden in der Fremde begegnet. Bartz macht dies mit spielerischer Vergnüglichkeit, szenischer Genauigkeit und innerer Folgerichtigkeit und vermeidet raffiniert die Fettnäpfchen des Zeitgeists: Der barbarische Türkenwächter Osmin hätte leicht zum Urbild eines Islamisten verzeichnet, der Pascha zum Sinnbild des Sieges der westlichen Zivilisation über die östliche übersteigert werden können. Hier werden eher Fragen eröffnet und nicht die tugendhaften Ideologeme der Toleranz illustriert — stets mit feinsinniger Witzigkeit. Der Seminarleiter greift ein, korrigiert, lässt Varianten ausprobieren und schließlich setzen die Liebespaare ihren unbeirrbaren Glauben an Treue und Liebe gegen ihn durch.

In der sparsamen, aber poetischen Ausstattung Falk von Wangelins schnurrt das ab mit Tempo und dramaturgischer Sinnfälligkeit, mit charakteristischen szenischen Einfällen, im Komischen wie im tief Gefühlten. Die Figuren werden persönlich fühlende Individuen bis in ihren Gesang, gestützt auf das solide Musizieren der Norddeutschen Philharmonie unter dem Gastdirigenten John Andrew. Allen voran Elena Fink als beeindruckende Constanze, mit zartem Gefühl und blitzenden Koloraturen, die ihr einmal, als sie Überraschendes über sich erfährt, beinahe zu Lustschreien geraten. Als ihr Befreier und Liebhaber Belmonte Garrie Davislim, die nicht leichte Partie mit Geschmeidigkeit meisternd.

Dazu als Kontrastpaar die quirlige Theresa Grabner als lebenspraktisches Blondchen und Jannes Philipp Mönnighoff als Pedrillo, der mit so viel Temperament nicht immer mithalten kann. Den „Türkenschreck“ Osmin gibt Karl Huml, nicht mit saftiger Komik, aber auch die weichen Seiten zeigend. Die Sprechrolle des Bassa Selim gestaltet Reiner Heise mit psychologischer Differenzierung, so dass das Finale einen Hauch von wehmütiger Entsagung gewinnt, zeigend wie anstrengend es ist, tolerant zu sein.

 



Heinz-Jürgen Staszak

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