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„Er war nie verboten — aber auch nicht erlaubt“

„Er war nie verboten — aber auch nicht erlaubt“

Leipzig Christian Heermann ist ein freundlicher Herr, der in Chemnitz geboren wurde, schon lange in Leipzig lebt und dieses Jahr seinen 80. Geburtstag feiern wird.

Leipzig Christian Heermann ist ein freundlicher Herr, der in Chemnitz geboren wurde, schon lange in Leipzig lebt und dieses Jahr seinen 80. Geburtstag feiern wird. Der Naturwissenschaftler hatte immer eine heimliche Liebe, die er 1988 öffentlich gemacht hat: „Der Mann, der Old Shatterhand war“ hieß das Buch, das Heermann fertiggestellt hatte und das wie eine Bombe auf dem DDR-Büchermarkt einschlug. Eine Biografie über einen Schriftsteller, der mit 100 Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Autoren im deutschsprachigen Raum gehört: Karl May. Ein Sachse, der 1842 im beschaulichen Ernstthal geboren wurde und seine Sehnsucht nach Freiheit auf Tausenden Seiten verewigte, bis er 1912 in Radebeul starb. Heermann durchstöberte als Student in Leipzig die Antiquariate nach Karl-May-Büchern, denn die DDR verlegte den Autor nicht. Zum 100. Todestag Karl Mays, am 30. März 2012, legte er mit „Winnetous Blutsbruder“ eine neue Biografie vor, die auf bekannten Fakten basiert, aber überarbeitet und erweitert wurde. Inzwischen hat Heermann elf Bücher über May veröffentlicht.

Der Versandbuchhandel „Zweitausendeins“ kam Ende 2015 mit der Mitteilung heraus, dass die ersten vier Bände einer neuen Karl-May-Edition im Haffmanns Verlag erscheinen. „In zinnoberrotes Leinen gekleidet, getreu nach den Erstdrucken“. Was sagen Sie?

Christian Heermann: Ich kann die Qualität dieser verlegerischen Unternehmung nicht beurteilen. Aber: Alles, was Karl May im Bewusstsein hält, begrüße ich. Die größte Kompetenz hat der Karl-May-Verlag in Radebeul. Der hat über 90 bearbeitete Bände herausgegeben und wenn es die nicht gegeben hätte, gäbe es Karl May gar nicht mehr. Durch die Überarbeitungen, die Anpassung an den Lesergeschmack, hat der Verlag den Autor am Leben erhalten. Wenn man den Lesern heute Originaltexte anbietet, bin ich skeptisch, ob das so läuft.

Neben Ihrer Biografie gibt es unzählige Bücher, die sich mit dem Leben des Autors beschäftigen. Wohl am boshaftesten ist „Sitara und der Weg dorthin“ von Arno Schmidt, der behauptet, May sei ein „unterdrückter Homosexueller“ gewesen, der als Kind von der „Ernstthaler Großmutter“ das erste Mal „im großen Stil sexualisiert“ worden sei. Wie denken Sie darüber?

Heermann: Schmidts Buch erschien 1963, also zu einer Zeit, als Homosexuelle noch verunglimpft wurden. Schmidt deutet Mays Gesamtwerk als eine einzige sexuelle Berieselung und leitet daraus den Erfolg ab. Dabei arbeitet er mit verfälschten Zitaten und Umdeutungen. Wenn May in „Old Surehand“ sinngemäß schreibt, „er springt von hinten aufs Pferd“, zitiert Schmidt, „er bespringt den Indianer von hinten“. Ich denke, bei Schmidts Arbeit hat Neid eine Rolle gespielt, und er hatte möglicherweise selber unbewältigte sexuelle Probleme. Aber Schmidts Veröffentlichung hat auch etwas Positives gehabt. Letztlich ist dadurch 1969 die Karl-May-Gesellschaft gegründet worden mit dem Ziel, sein Werk wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Haben Sie als May-Fan und -Biograf jemals versucht, gegen Schmidts Thesen anzuschreiben?

Heermann: Fakt ist, May hat in jungen Jahren mehrere Freundinnen gehabt, und er war zwei Mal verheiratet. Ich arbeite seit Jahren an einem Buch „Karl May und die Frauen“ und habe es zur Hälfte fertig. Auf etwa 100 Seiten setze ich mich mit Schmidts Theorie auseinander.

Warum schließen Sie das Manus-

kript nicht ab?

Heermann: Im Alter lässt die Energie nach und man lässt sich gern ablenken. So ein Buch ist langwierig und aufwendig.

Na ja, aber es muss doch heraus.

Heermann: Ich überlege, ob ich die 100 Seiten zu Schmidt auskoppeln und allein veröffentlichen sollte.

Vielleicht ja. Was gegen Schmidts Theorie vom außerehelichen Kind spricht, das May mit einem Dienstmädchen gehabt haben soll.

Heermann: Für „Winnetous Blutsbruder“ habe ich auch dazu recherchiert. Die These wird angefochten, aber ich glaube, dass die am 30. November 1952 verstorbene Helene Voigt eine uneheliche Tochter Mays war. Sie betrieb in dem Erzgebirgsdorf Schellerhau den „Unteren Gasthof“, heute „Heimatstuben“, und hatte fünf Kinder. Als ich mich Jahre nach ihrem Tod in Schellerhau umhörte, wollte mancher Dorfbewohner von der May‘schen Abstammung der Wirtin gehört haben. Karl May und sein Kind — das wird seit Jahrzehnten diskutiert, jede Hypothese lässt sich beweisen und widerlegen. Ich würde mit May fragen: „Ist das nicht interessant?“ (Winnetou IV, letzter Satz).

Karl May und die DDR — das ist auch interessant.

Heermann: Er war nie verboten. Aber auch nicht erlaubt. Man konnte Anzeigen aufgeben, dass man May-Bücher zum Kauf sucht, aber er wurde nicht neu verlegt, obwohl es rechtlich möglich war. Ich konnte recherchieren und zwei Mal in den Westen reisen — 1988 und 1989. Von der Antragstellung bis zur Genehmigung hatte es allerdings zwei Jahre und 20 Tage gedauert. Außerdem bescherte mir die Arbeit über May eine Stasiakte, aber ich bin nicht behindert worden.

Was waren die Gründe für diesen verkorksten Umgang mit Karl May?

Heermann: May konnte Leser stark vereinnahmen, man wurde süchtig, und seine Helden bewegten sich im Wilden Westen in grenzenloser Freiheit und nach eigenen Gesetzen. Wenn die Handlung im Orient spielt, ist die Zentralgewalt weit weg und Ordnungshüter werden lächerlich gemacht. Das passte der DDR-Obrigkeit nicht in den Kram und man wertete May ab: religiös, sentimental, nationalistisch, chauvinistisch.

Stichwort Film: RTL will 2016 noch den „Winnetou“-Stoff als Event-Dreiteiler ins Fernsehen bringen? Was halten Sie davon?

Heermann: Lassen wir uns überraschen. Ich bin Bücherfan. Aber ich finde es gut, wenn Karl May im Gespräch bleibt.

Von Interview von Jan Emendörfer

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