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Erhellend wahrhaftig und poetisch schön

Schwerin Erhellend wahrhaftig und poetisch schön

Peter Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ feierte Premiere im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin.

Schwerin. Tatjana hat ein leidenschaftliches und konsequentes Naturell. In der langweiligen Biederkeit des adligen Landlebens und durch die Lektüre von Romanen wird sie zur romantischen Schwärmerin. Da wirft sie ihr sehnsuchtsvolles Herz auf den ersten Mann von Welt, der ihr begegnet, und bekennt ihm rückhaltlos ihre Liebe. Der aber, vielleicht sogar erschreckt, winkt kühl ab und verletzt Tatjana tief. Zwei Jahre später treffen sie sich wieder. Tatjana ist inzwischen die souveräne strahlende Gattin des Fürsten Gremin; Onegin zermürbt von der Schuld, seinen Freund im Duell getötet zu haben, und inzwischen desillusioniert über die gesellschaftlichen Konventionen, entdeckt nun seine Liebe zu ihr. Tatjana aber, obwohl sie an ihrer Liebe zu Onegin festgehalten hat, bleibt bei ihrem Ehemann.

Diese Geschichte erzählt die Schweriner Produktion von Peter Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ (1879), die am Freitag Premiere hatte. Eine Geschichte von der Ohnmacht der Liebe, von der verheerenden Ungleichzeitigkeit in ihr oder einfach von der einschränkenden Macht der Konvention?

Das Inszenierungskollektiv mit Daniel Huppert (Dirigent), Georg Rootering (Regie) und Romaine Fauchère (Ausstattung) hält diese Frage in der Schwebe und macht gerade deshalb aus diesen „lyrischen Szenen“ einen fesselnden Theaterabend von erhellender Wahrhaftigkeit und poetischer Schönheit. Rootering, fern von den Krawallen des Regietheaters, eher in der Tradition des realistischen Musiktheaters, setzt ganz auf psychologische Durchleuchtung, mit stimmiger Figurenführung, mit von der Musik her konzipierten sinnvollen Bewegungsabläufen und entfaltet damit ein Individualgeschehen, das seine Aktualität deutlich an der Stirne trägt — ohne nur ein Gran aufgesetzte Modernisierung. Die schöne Ausstattung von Fauchère bleibt ganz original, im klaren Empire-Stil und mit einem erzählenden Bühnenbild, das noch eine symbolische Ebene schafft. Auch Huppert und die Mecklenburgische Staatskapelle setzen auf psychologische Klarheit, genau, transparent und klangschön, mit sorgfältigen Übergängen vom Rezitativischen zu den innig melodischen Aufschwüngen und dennoch mit deutlichen dramatischen Akzenten.

Mit dem Opernchor und dem Solistenensemble ergab dies eine glückliche Ensembleleistung — darstellerisch wie musikalisch hoch befriedigend und stets spannungsvoll. Zwei Ereignisse krönen sie. Einmal die Tatjana der jungen Sopranistin Stamatia Gerothanasi, deren Kunst den Sinngehalt der Aufführung trägt: eine feine Schauspielerin und, obwohl ihre Stimme noch nicht das ganz große Format hat, eine intelligent gestaltende Sängerin, ihre Briefszene eine kleine Kostbarkeit — wie auch, nun als reife Frau, die Schlussszene. Dazu etwa Remo Tobiaz als Onegin, stimmkräftig und präsent, nicht immer mit nötiger lyrischer Feinheit, und Kerem Kurk als Freund Lenski, der nach anfänglicher Zurückhaltung seine große Arie bewegend gestaltete.

Das zweite Ereignis ist das erfindungsreiche Zusammenspiel von Szene und Bühnenbild. Schon in der Briefszene scheint sich die brave enge Rechtwinkligkeit des Landhauses aufzulösen und zu öffnen. Die Wiedersehens-Sequenz vollzieht sich komplett auf der Drehbühne, immer neue Einblicke und Durchblicke in die verwinkelten Mauern der Konvention, die die Menschen einschienen, darbietend, bis die Mauern starr stehen, in denen Onegin fassungslos und zerstört zurückbleibt.

Heinz-Jürgen Staszak

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