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„Es ist ja nicht so, dass Rostock eine literarische Stadt ist“

Rostock „Es ist ja nicht so, dass Rostock eine literarische Stadt ist“

Ein streitbarer Geist im kulturellen Sinne: Wenn es um Literatur geht, steht die neue Programmchefin des Rostocker Literaturhauses, Ulrika Rinke (35), auf drei im Ring

Rostock. Nein, ein Schlägertyp ist sie nicht. Aber wenn es um Literatur geht, steht Ulrika Rinke (35) auf drei im Ring. Beispiel: Was soll Literatur eigentlich? Antwort:

„Ich weiß nicht, ob man von vornherein sagen sollte, was Literatur soll. Natürlich muss sie sich auch am Markt bewähren. Aber nicht alles, was unzugänglich ist, muss man gleich weglegen. Es kann sehr viel Freude machen, sich auf Autoren einzulassen.“ Sie weiß, wovon sie redet. Sie mag Uwe Johnson. „Jahrestage hab‘ ich gern gelesen. Johnson ist einfach toll. Nicht nur als regionaler Autor“, sagt sie. Außerdem liest sie gern Arno Schmidt, Virginia Woolf, David Mitchell und zurzeit parallel Franz Fühmann („22 Tage: oder die Hälfte des Lebens“), Heinz Strunk („Der goldene Handschuh“) und Ronja von Rönne („Wir kommen“).

Ulrika Rinke ist seit März Programmchefin des Rostocker Literaturhauses. Sie folgt Katinka Friese, die ihr Amt im Oktober 2015 abgegeben hatte. Zwischenzeitlich leitete Ralph Kirsten (60) die Einrichtung, die 1990 als Literaturhaus im Kuhtor gegründet wurde und im Peter-Weiss-Haus — dem ehemaligen Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft — neben der Rostocker Brauerei residiert.

Ulrika Rinke stammt aus Rostock, hat an der Universität Rostock bei Helmut Lethen und Heinz-Jürgen Staszak Germanistik und auch Philosophie studiert und ist nach Magister und Praktika beim Hinstorff Verlag und beim Stadtradio Lohro auf literarische Walz gegangen. Campus Verlag Frankfurt am Main, Volontariat bei dtv in München mit Tätigkeit als Lektoratsassistentin und Lektorin in Gegenwartsliteratur und Unterhaltung. Dann ging Ulrika Rinke für zweieinhalb Jahre als Agentin zur ältesten deutschen Literaturagentur „Graf & Graf“ nach Berlin, bevor sich die Tür Richtung Heimat wieder öffnete. Mecklenburger sind halt ostseeverbunden. Berlin und Rostock waren ihr näher als das schöne, aber irgendwie auch glatte München.

Für den Rostocker Literaturbetrieb ist ihre überregionale Vernetzung ebenso wichtig wie ihre Heimatverbundenheit. Das Literaturhaus organisiert als Verein mit 70 Mitgliedern, drei Mitarbeitern, Ehrenamtlern und Honorarkräften als landesweites Zentrum für Literatur in MV jährlich über 400 Veranstaltungen — in Rostock, aber auch im Land. Über ihre neue Aufgabe sagt Ulrika Rinke: „Es geht nicht darum, hier eine Revolution anzuzetteln. Ich werd‘ das Rad auch nicht neu erfinden. Wir werden die Arbeit meiner Vorgängerin fortführen, mit Verlagen und anderen Institutionen wie Theatern, Vereinen, Uni, Buchhändlern zusammenarbeiten, die Begeisterung für Literatur weiter am Leben halten.“

Durchaus in dem Wissen, dass sie sich aus drei Zentren des Literaturbetriebs in die kulturelle Provinz zurückgezogen hat. „Ich staune, wie viel sich getan hat, seitdem ich weg bin. Aber es ist auch nicht so, dass Rostock eine literarische Stadt ist.“ Wumms, da war er wieder, der literarische linke Haken. Viele Termine seien ja gesetzt wie die LiteratourNord. „Ich schaue aber auch, was mich interessiert.“ Es gehe um den Mix.

So wie jetzt mit der Chartstürmerin Ronja von Rönne und der etwas anderen politischen Gewichtsklasse Radka Denemarkowá, die im Literaturhaus gelesen haben. Ihr Ziel aber auch: „Ich würde gern mehr in der Sachbuchsparte machen. Es wäre schön, wenn das Literaturhaus ein Treffpunkt der Ideen wird, wo man sich austauscht und viele Bürger der Stadt findet, die sich an Debatten beteiligen und die was erfahren möchten.“ Ulrika Rinke — eine Kämpferin für Literatur und Streitkultur. Aber eben keine Kneipenschlägerin. Woher das kommt? Sie hat sich mal den Kiefer gebrochen. Fahrradunfall. Abgestiegen über den Lenker. „Ich hätte lieber erzählt, dass das ‘ne Kneipenschlägerei war.“ Da ist es — das romantische Herz des Boxers.

Von Michael Meyer

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