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Explosion von Kammermusik

Explosion von Kammermusik

Als Preisträgerin in Residence gestaltet die norwegische Violinistin Vilde Frang 18 Konzerte der Festspiele MV

Schwerin Am 17. Juni starten die Festspiele MV mit einem Konzert von Vilde Frang (29) und dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Leitung von Sakari Oramo in die Saison 2016. Die norwegische Violinistin ist in diesem Jahr die Preisträgerin in Residence. Kammermusik liegt ihr besonders am Herzen.

Über Sie ist zu lesen, dass Sie das Publikum mit Ihrem Spiel glücklich machen. Trifft das auch auf Sie zu? Was macht die Musik mit Ihnen?

Vilde Frang: Schwer zu sagen, ob es es Glück ist oder Traurigkeit oder was auch immer. Aber definitiv erweckt die Musik in mir ein instinktives Gefühl. Ich versuche immer, diesem Gefühl so nahe wie möglich zu kommen. Das ist eine Leidenschaft, die sehr, sehr drängend sein kann. Aber Glück? Ich habe ja nie Geige gespielt, um Spaß zu haben. Darum geht es nicht, eher um Notwendigkeit.

Spüren Sie das Publikum, und beeinflusst das Ihre Art zu spielen?

Frang: Nein, der Witz ist: Ich kommuniziere stärker mit dem Publikum, wenn ich mich innerlich so weit wie möglich von der Konzert-Situation entferne und nur auf die Musik konzentriere. In gewisser Weise ist es also nötig, dass ich nicht ganz präsent bin auf der Bühne, sondern eher abwesend.

Um dichter dran zu sein . . .

Frang: Wenn man anfängt, über die Situation nachzudenken, ist man zu festgelegt. Wie kann man sich dann auf Musik fokussieren? Dann hat man nichts zu tun auf der Bühne, weil man denkt, dass man mehr zu beweisen hat als zu teilen. Die Zuhörer merken, ob Künstler völlig von der Musik absorbiert werden. Ich glaube, dass dies den engsten Kontakt zum Publikum ermöglicht.

Erinnern Sie noch Ihren ersten Auftritt bei den Festspielen?

Frang: Oh, das ist lange her. Es war auf Schloss Ulrichshusen in den 2000ern. Ein Weihnachtskonzert, eins meiner ersten Konzerte in Deutschland, und ich erinnere mich sehr gut an die Atmosphäre. Jemand las Weihnachtsgeschichten, und dazwischen spielte ich eine Mozart-Sonate.

Was schätzen Sie an dem Festival?

Frang: Du sitzt im Sommer im Zug und fährst in den landschaftlich schönsten Teil Deutschlands, du gehst in die Natur und findest all deine Kollegen und Freunde versammelt in einem schönen Haus. Und ihr lebt in dem Haus, esst zusammen, habt Proben, geht raus und erzählt – das ist ein so schönes Gefühl von Ruhe und Frieden. Aber auch von Konzentration – wegen der Intensität der Proben.

Das ist der heilsamste Kontrast, den man sich vorstellen kann.

Und jetzt haben Sie die Residence – wie fühlt sich das an?

Frang: Das ist ein großes Privileg. Und eine fantastische Möglichkeit. Ich habe Carte Blanche, ein Programm nach meinen Vorstellungen zu machen. Das Kammermusik-Repertoire ist wie ein Bonbonladen mit all den Leckereien – die schönsten Sachen, und ich kann aussuchen! Und Freunde und Kollegen einladen. Das ist das Allerbeste! Davon habe ich lange geträumt.

Welche Schwerpunkte setzen Sie?

Frang: Es gibt keinen roten Faden, kein Thema. Eher eine Explosion von Kammermusik. Im Grunde habe ich all meine Lieblingsstücke vorgesehen. Kammermusik ist die schönste Art der Kommunikation. Du erfährst so viel von den Leuten, als würdest du in ihrer Haut stecken. Du erkennst ihre Persönlichkeit, wenn Du mit ihnen spielst. Diese Interaktion ist sehr kostbar. Ich denke, für ein Festival hat Kammermusik mehr Wert.

Wie viele große Konzerte spielen Sie im Jahr?

Frang: 110 werden es sein. Man ist ununterbrochen auf Reisen.

Alle drei Tage auf einer anderen Bühne irgendwo in der Welt – das klingt nach harter Arbeit . . .

Frang: Das ist es. Und es ist ein Lebensstil, an den man sich sehr gewöhnt, aber es kommt der Punkt, an dem man sich wünscht, einfach einen Gang mit dem Hund zu machen, sein eigenes Brot zu backen und aufzuessen, bevor man wieder losmuss. In den letzten Jahren hätte ich nicht einmal einen Kaktus haben können – er wäre verdurstet.

Wo leben Sie?

Frang: In Deutschland. Ich ziehe es vor, in Deutschland zu bleiben. Für mich ist Berlin der perfekte Ort. Ich habe einen vollen Terminkalender, aber es ist wichtig, raus in die Natur zu gehen, schwimmen, wandern. Dafür ist Meck-Pomm eine tolle Möglichkeit, so eine gesunde Umgebung!

Und es liegt näher an Norwegen.

Frang: Na ja, aber verglichen mit Norwegen fühlt sich Meck-Pomm doch sehr südlich an.

Gibt es einen speziellen norwegischen Zugang zur Musik?

Frang: Ich denke, dass jedes Land sein eigenes Erbe und eine spezifische Kultur hat, die sich im Alltagsleben findet. In Norwegen haben wir fantastische Volksmusik. Ins Auge springt der Zusammenhang zwischen der wilden Natur und Mentalität der Menschen. Das kommt in Volksliedern zum Ausdruck – und in Sagen. Das ist eine alte, kraftvolle Tradition, vor dem Hintergrund sind Komponisten wie Grieg oder Svendsen zu hören.

Haben Sie eine Vorliebe für romantische Musik?

Frang: Vielleicht fühle ich mich darin am meisten zu Hause. Aber eigentlich liebe ich jede Art von Musik – von Palestrina bis Gubaidulina. Für mich hat jede Form von Musik den gleichen Wert, solange sie sich zeitgenössisch anfühlt. Das betrifft auch Literatur oder jede andere Art von Kunst. Deshalb ist es für mich unmöglich zu sagen, ich hätte eine Vorliebe für Musik der Romantik. Eher für bestimmte Stücke.

Wie wichtig ist die Qualität des Instruments?

Frang: Immens wichtig. Das Instrument muss sich wie ein Körperteil anfühlen. Wenn es das mal nicht tut, weil es zu trocken oder zu feucht draußen ist, ist das ein sehr unangenehmes Gefühl.

Meine Geige ist nicht perfekt, aber ich habe so viel mit ihr gearbeitet und sie herausgefordert, und sie fordert mich heraus. Sie hat eine eigene Seele, eine lyrische Stimme, die ich liebe. Es ist ein Instrument von Vuillaume, das ich von der Anne-Sophie Mutter Stiftung erworben habe. Ich habe andere ausprobiert, aber dieses ist wie ein Bumerang: Es kommt immer wieder zurück zu mir – selbst wenn ich es wegwerfen würde –, diese Geige bleibt meine Stimme.

Gibt es eine Beziehung zwischen Musik und Malerei?

Frang: Ja, sicher. Wenn man eine Sonate von Gabriel Fauré spielen wollte, ohne je ein Gemälde von Claude Monet gesehen zu haben, wäre das sehr schwierig, weil man nicht das ganze Spektrum im Sinn hätte. Monets „Wasserlilien“ erscheinen zunächst weiß, aber wenn man näher kommt, sieht man mindestens zehn Farben in einem Schatten. So ist es mit Faurés Musik: In einem Dur- oder Mollakkord gibt es so viele Nuancen von Intervallen und Klangfarben, die man nicht vermuten würde. Aber genau das ist das Geheimnis.

Sie haben eine Professur in Oslo. Was sagen Sie Ihren Studenten?

Frang: Solange du einen Funken in Dir hast, solange du ein Bauchgefühl hast oder ein Gefühl von Gott oder was auch immer – du solltest es nicht missachten, sondern darauf hören. Was immer dein Lehrer sagt, du musst selbst herausfinden, was richtig ist.

Interview von Jan-Peter Schröder

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