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Premiere für „Antigone und „Die Bakchen“ – das spannende Doppelprojekt des Volkstheaters und der Rostocker Hochschule für Musik und Theater

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Antigone (Isabel Will) und Kreon (Ulf Perthel).

Quelle: Foto: Thomas Häntzschel/volkstheater Rostock

Rostock. Kreon sitzt schon zwischen den Besuchern im Foyer des Volkstheaters. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, Wasserflasche und Aktentasche, der König eines Stadtstaates, heute würden wir sagen: Bürgermeister mit zuviel Macht. Dann spaziert dieser Kreon mit den Zuschauern ins Ateliertheater, schaut sich hilflos auf der Bühne um, streicht sich lustlos über die Glatze.

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Premiere für „Antigone und „Die Bakchen“ – das spannende Doppelprojekt des Volkstheaters und der Rostocker Hochschule für Musik und Theater

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Und beginnt zu regieren, das heißt: Legt um die ganze Bühne mit penetrant unauffälliger Routine, etwas gequält ob der Bürde der Verantwortung, aus A4-Blättern eine papierne Mauer aus bürokratischen Regeln, die die Ordnung nach gewonnenem Krieg wieder herstellen sollen. Allerdings scheitert er an einer Rebellin: Antigone, die sich Kreons dummem Dekret, seinem Verbot, ihren Bruder Polyneikes zu bestatten, widersetzt.

Ulf Pertel als Kreon ist der einzige Volkstheater-Schauspieler der ansonsten mit Schauspielstudenten des 2. Studienjahres besetzten Koproduktion mit der Rostocker Hochschule für Musik und Theater.

Und Pertels armseliger, aber nicht zu unterschätzender Bürokrat Kreon gehört zu den stärksten Momenten dieses insgesamt sehr spannungsgeladenen Antike-Doppelprojektes aus „Antigone“ des Sophokles und „Die Bakchen“ des Euripides.

Spannungsvoll ist, wie unterschiedlich die uralten Stücke modern aufgearbeitet werden. Regisseur Kai Festersen geht in seiner „Antigone“ sehr subtil zu Werke, kürzt geschickt und findet innerhalb der Dialoge die Widersprüche einer zu glatten Frontstellung der erhabenen Tragödie: Hier hat Antigone (Isabell Will mit kriegerischer tattoo-artiger Gesichtsbemalung) anfangs wenig Erhabenes, scheint eher trotzig aus Prinzip, trägt – bei aller Berechtigung ihres Kampfes gegen das Bestattungsverbot – Züge von Selbstgerechtigkeit, des Aufruhrs als Pose, der Todesbereitschaft als Leichtsinn. Erst in der Eskalation des Streits mit dem beratungsresistenten Herrscher gewinnt sie Stärke und Legitimation.

Viel radikaler der Zugriff auf „Die Bakchen“, die Regisseur Sören Hornung als dezidierte Ensemble-Arbeit aufführt. Die Tragödie handelt vom Kampf um die Einführung des Dionysos-Kultes in Theben, bei dem man sich dem Wein und hemmungslosem Rausch hingab. Der noch sehr junge König Pentheus kämpft mit naivem Hochmut gegen diese Feiern des Irrationalen und dessen Anhänger, mit dem Ergebnis, dass er von den „Bakchen“, insbesondere von seiner Mutter Agaue, im rasenden Rausch bestialisch in Stücke gerissen wird (auf der Bühne zertrümmert sie stellvertretend einen Stuhl mit dem Hammer).

Bedenkt man, dass sich aus den dionysischen Festen einst das antike Drama und damit die Theaterkultur der westlichen Welt entwickelte, ahnt man den großen kulturgeschichtlichen Hintergrund dieser Tragödie, die Goethe noch im hohen Alter als das schönste Stück des Euripides bezeichnete. So hören wir im wilden Aufruhr auf der Bühne das laute und wiederholte Nein zu einer Kultur, die im Wesen eine Kultur der Entmündigung und Unterdrückung sei, und es klingt wie ein Reflex auf Peter Weiss‘ „Ästhetik des Widerstands“.

Ganz in der Steinbruchmentalität der Materialästhetik hat das Ensemble das alte Stück auseinandergenommen, ein neues zusammengefügt und mit furioser Spiellust aufgeführt. Im günstigen Falle, so wie hier, ist bei solchem Vorgehen die Vorlage im Kern noch erkennbar, aber nun mit neuen Horizonten verbunden. So schwirren neben Euripides auch Texte von Rosa Luxemburg, Virginia Woolf oder Slavoj Žižek durch den Raum und durchs Programmheft. Von Revolution ist die Rede, und die Frauen stehen, noch viel grundsätzlicher als bei Euripides, im Zentrum der Unterdrückung und der Kämpfe. Auch die Macht nimmt Anleihen bei der Gegenwart: Ihre Gegenpropaganda gegen die Dionysos-Fans klingt wie ein Pegida-Manifest der Fremdenfeindlichkeit.

„Unartige Kinder“ nennt das Volkstheater diese Themenreihe. Im Falle der „Bakchen“ sind die „unartigen Kinder“ das Ensemble selbst, das die Tragödie als „deutungsoffen" nimmt, zum Satyrspiel aufbohrt und daraus ein rasantes Verwirrspiel über moderne Identität und ihre Manipulation macht: starke Spielerei – starker Tobak.

Die Besetzung

Neben Ulf Pertel vom Volkstheater Rostock spielen Schauspielstudenten der HMT Rostock.

„Antigone“: Isabel Will (Antigone), Gina Markowitsch (Ismene), Markus Paul (verschiedene Rollen) und Valentino Dalle Mura (Haimon).

„Die Bakchen“: Felicitas Erben (Dionysos), Michael Schröder (Pentheus) sowie in mehreren Rollen Katia Fellin, Katja Plodzistaya, Max Mehlhose-Löffler und Paula Thielecke.

Weitere Vorstellungen: 7., 8. und 17. April, Volkstheater Rostock

Dietrich Pätzold

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