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Fakten, Fiktionen und tiefere Wahrheit

Rostock Fakten, Fiktionen und tiefere Wahrheit

Höhepunkte der Feiern zum Weltbuchtag in MV: Christoph Hein liest im Rostocker Volkstheater aus seinem großen Deutschlandroman „Glückskind mit Vater“ / Robert Seethaler in Vaschvitz auf Rügen zu Gast

Rostock. Geistreich zwischen Fakten, Fiktion und tieferer Wahrheit: Zu den einfachen Tatsachen pflegen Freunde der schönen Literatur oft ein mehrdeutiges Verhältnis. So feiert die literarische Welt jährlich am 23. April den Weltbuchtag — in der Langfassung nennt die Unesco das Event seit dem Jahr 1995 „Welttag des Buches und des Urheberrechts“, womit auch die Textvermarktung mit gewürdigt ist.

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Höhepunkte der Feiern zum Weltbuchtag in MV: Christoph Hein liest im Rostocker Volkstheater aus seinem großen Deutschlandroman „Glückskind mit Vater“ / Robert Seethaler in Vaschvitz auf Rügen zu Gast

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Doch beim gewählten Datum wird‘s mit der Faktenliebe schwierig: Literaturfreunde erklären es mit den Todestagen von Shakespeare und Cervantes, die vor 400 Jahren starben. Aber zum Thema Shakespeare, der als größter und meistgespielter Theaterautor der Welt gilt, unterhält uns seit 300 Jahren eine starke Fraktion, darunter Sigmund Freud, Mark Twain oder Filmregisseur Roland Emmerich (im Film „Anonymous“), mit interessanten Zweifeln, dass nicht der Mann aus Stratford der Autor der ihm zugeschriebenen Werke sei, sondern ein anderer.

Gut, diese Frage kann man zurückstellen, den üblichen Shakespeare-Konsens akzeptieren und seine Meisterwerke der Weltliteratur lesen, aufführen und feiern. Falsch jedoch liegen die Freunde des Weltbuchtages mit dem Todestag Shakespeares. Der starb zwar am 23. April 1616, aber nach dem damals in England noch gültigen julianischen Kalender, was unserem 3. Mai entspricht. Für Cervantes dagegen stimmt das Datum, Spanien hat schon 170 Jahre vor England unseren gregorianischen Kalender eingeführt. Trotzdem: Lasset uns sie feiern, die beiden Titanen!

Unter den Lesungen am 23. April ragt in MV Christoph Hein in Rostock heraus, der seinen im März erschienenen neuen Roman „Glückskind mit Vater“ im Großen Haus des Volkstheaters vorstellt. Zwischen Fakten und Fiktion hat auch Hein einen ganz besonderen Platz für seine tiefe und fesselnde Wahrheit definiert: „Der hier erzählten Geschichte“, heißt es im Vorspruch, „liegen authentische Vorkommnisse zugrunde, die Personen der Handlung sind nicht frei erfunden.“ Von der Kritik wurde das Buch bereits als grandioses „Jahrhundertpanorama“ gefeiert, auch als „großer Deutschlandroman“, als Abenteuerroman, aus dem es kein Entrinnen gebe, als „raffinierter Schelmenroman“ oder als subversive Geschichte. Es gewährt einen zwar nüchtern-chronistischen, aber zugleich ganz ungewöhnlichen Blick auf Lebensmöglichkeiten im 20. Jahrhundert. Und mit dem Titel „Glückskind mit Vater“, der zunächst nach einer durch Herkunft privilegierten Existenz klingt, wirft es die Frage nach dem Glück recht doppelbödig auf.

„Glückskind“ wird der Protagonist des Romans, Konstantin Boggosch, zum ersten Mal von seiner Mutter genannt, weil er sie schon vor seiner Geburt im Mai 1945 als Fötus im hochschwangeren Mutterleib vor russischer Lagerhaft bewahrt hat. Sie, die Ehefrau von Gerhard Müller, einem Großindustriellen, dem Chef der Vulcano-Werke, später Buna-Werke, einem gesuchten SS-Kriegsverbrecher, einem der Schlimmsten, wie die Mutter von den Russen erfährt.

Dieser Vater wird 1945 hingerichtet, die Mutter nimmt wieder ihren Mädchennamen Boggosch für sich und die beiden Söhne an. Doch in der ostdeutschen Kleinstadt und in der DDR weiß man Bescheid, stets steht für den heranwachsenden Konstantin Boggosch die Abstammung von diesem Nazi im Hintergrund. Mit 14 haut er ab in den Westen, träumt von Fremdenlegion, lebt in Marseille, kehrt aus Heimweh zurück, obwohl die DDR gerade die Mauer errichtet hat. „Kriegsverbrecher und ihre Brut wollen wir bei uns nicht haben“ — dieser Satz, der im Falle der Wehrpflicht zum angenehmen Effekt der Ausmusterung „wegen Unwürdigkeit“ führt, steht in der DDR bei allen Lebensversuchen Konstantins bedrohlich im Hintergrund. An der Filmhochschule darf er nicht studieren, Lehrer werden aber doch; er wird ein sehr guter Lehrer, der es bis zum Direktor schafft und später als Legende gilt.

Für die Lebensbilanz dieses „Glückskinds“ scheint es, als hätte sich das Unglück unerfreulicher Herkunft auch glücklich ausgewirkt: Konstantin hatte in der DDR keine Chance auf eine große Karriere, damit wenig Gelegenheit, sich dem System anzubiedern. Möglicherweise lebte er unter diesem Druck mehr ein eigenes Leben als viele Opportunisten, mit denen er es in der DDR und nach der Wiedervereinigung zu tun hatte. Aber das wäre ein Thema für Diskussionen, die die Leser mit ihren eigenen Erfahrung führen können.

Welttagsbuch

Zum 20. Mal erscheint in diesem Jahr ein exklusiv für den Welttag des Buches geschriebenes Kinder- und Jugendbuch. Auch 18000 Kinder in MV erhalten als kostenloses Buchgeschenk den Abenteuerroman „Im Banne des Tornados“ von Annette Langen.

Das Welttagsbuch der Reihe „Ich schenk dir eine Geschichte“ erscheint mit 1,2 Millionen Exemplaren. Damit ist es die größte Erstauflage eines Kinder- und Jugendbuches in Deutschland. Über eine Gutschein-Aktion erhalten 850000 Kinder der Klassen 4 und 5 das Buch kostenlos in 3500 teilnehmenden Buchhandlungen vor Ort.

Kunstscheune Vaschvitz , heute 19.30 Uhr: Robert Seethaler liest aus „Ein ganzes Leben“ (Hanser 2016)

Volkstheater Rostock , 23. April, 18 Uhr: Christoph Hein „Glückskind mit Vater“ (Suhrkamp 2016)

Theater Greifswald , 23. April, 19.30 Uhr: „Der Sturm“ von Shakespeare

Bahnhof Kröpelin , 24. April, 15.30 Uhr: Lo Graf von Blickensdorf „Werden Sie doch einfach Graf“ (Rotbuch 2009)

Von Dietrich Pätzold

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