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„Faust“-Fragment in Greifswald: Gretchen als Muslima, der Teufel kommt mit Netto-Tüte

Greifswald „Faust“-Fragment in Greifswald: Gretchen als Muslima, der Teufel kommt mit Netto-Tüte

Nun also, nach Wismar und Schwerin, ein weiterer „Faust“ in MV – wieder ganz anders: überraschend, zupackend und in knapp 90 Minuten ohne Pause spannend erzählt.

Greifswald. Nun also, nach Wismar und Schwerin, ein weiterer „Faust“ in MV – wieder ganz anders: überraschend, zupackend und in knapp 90 Minuten ohne Pause spannend erzählt. Regisseur Reinhard Göber präsentierte ihn zum Saisonstart am Wochenende im Greifswalder Großen Haus – ein furioser Einstand des neuen Schauspieldirektors am Theater Vorpommern.

Furios vor allem, weil die 1790 erschienene frühe Fassung „Faust. Ein Fragment“ des damals 41-jährigen Goethe eine erstaunlich aktuelle Lesart ermöglicht. Göber findet für seine Inszenierung einen handfesten aktuellen Grund, warum Margarethe (Anne Greis) für vorehelichen Sex mit Faust als Verbrecherin hingerichtet wird: Sie ist Muslima, ebenso wie Nachbarin Marthe (Claudia Lüftenegger), und steht durch ihren in der gemeinsamen Wohnung meist anwesenden Bruder Valentin von Anfang an unter familiärer Kontrolle.

Das Spiel beider Frauen als Muslima bietet neue Reize. Einerseits strahlen sie, in helles Tuch gewandet und mal mit, mal ohne Kopftuch, besondere Anmut und Würde aus – und eine schön betonte Sehnsucht nach Glück. Zu sehen ist eine andere Marthe als die übliche Kupplerin: hier eine, die in provinzieller Enge Nischen für Freiheit ermöglicht. Und zu sehen ist – bei aller religiösen Bindung – doch keine naiv frömmelnde Grethe: eher eine elegant auf High Heels daherschreitende oder barfuß durch die Szene laufende junge Frau, die Spielräume in ihren Zwängen auslotet und dabei Gewissheiten sucht.

Auch für das Gespann Faust-Mephisto, im Kleidungskontrast Grau-Rot farblich streng unterschieden, wird diese Konstellation in den Flirt-Szenen spielerisch bereichernd. Überhaupt kommt die Inszenierung ohne Metaphysik aus, ohne Geisterspuk (lediglich mal mit augenzwinkerndem) und ohne Hexenküchen-Magie. Ein Teufelspakt muss da nicht erst geschlossen werden, die beiden Männer sind von Beginn an ein dauerhaft unzertrennliches Duo. „Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt“, sagt Mephisto gegen Ende, um Fausts selbstmitleidigen Jammer über Gretchens Not zu beenden – dieser Satz gilt hier von Anfang an. Wenn dieser Heinrich Faust (Alexander Frank Zieglarski) sein „Habe nun, ach, ...“ beginnt, klagt er nicht mehr, sondern erklärt dem Publikum kühl seine Situation, gelassen, etwas von oben herab, mit leicht zynischem Achselzucken, in kleinen Pausen die Wirkung seiner Aussagen auf die Zuschauer beobachtend.

Und Mephisto (Julius Robin Weigel), kein Teufel, sondern ein wendiger und windiger persönlicher Assistent mit besonderen Fähigkeiten, ist wie ein Untergebener unterwegs, auch achselzuckend dann, wenn der Chef (also Faust) zu hohe Forderungen stellt, mal mit Netto-Tüte, mal mit Fingerschnipsen.

Die Schüler-Szene können sich Mephisto und Faust wegen enger Wahlverwandtschaft teilen, Auerbachs Keller ist ein Rockschuppen, in dem Faust mit Gretchen schon getanzt hat, bevor er ihr „Arm und Geleit“ anträgt. Die wechselnden Schauplätze auf der Drehbühne hat Bühnenbildnerin Ariane Salzbrunn ausgestattet. Eine runde, empfehlenswerte Aufführung.

Nächste Termine: 9.10., 11.11.

in Greifswald, 22. und 30.10. in

Stralsund, 14.10. in Putbus.

Dietrich Pätzold

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