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Faust in Schwerin: Der Mensch, der sich selbst verneint

Schwerin Faust in Schwerin: Der Mensch, der sich selbst verneint

Staatstheater eröffnete neuen Premieren-Reigen mit heutigen Fragen an Goethes Klassiker

Schwerin. Das neue Mecklenburgische Staatstheater nimmt Fahrt auf: seit 1. August mit Fusionspartner Parchim, starker Landesbeteiligung und mit neuer Leitung, am vergangenen Wochenende mit den ersten drei Premieren des Schauspiels unter dem neuen Schauspieldirektor Martin Nimz: ein ganzer „Faust“-Komplex.

„Ein Fest“, wie es „alle“ laut dem Theaterdirektor in Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ erwarten, wurde der Auftakt jedoch nicht, aber doch ein Vergnügen für Freunde eines literarisch forschenden, hinterfragenden und auch irritierenden Theaters. Die „Faust“-Inszenierung von Martin Nimz scheint geradezu gegen alle Wünsche jenes Goethe’schen Theaterdirektors nach möglichst viel Brimborium fürs zahlende Volk anzuarbeiten. Nimz meidet große Effekte, spielt sogar mit solchen Publikumserwartungen auf Show-Einlagen, setzt dagegen dezentere, aber in ihrer Klarheit inhaltlich wirksamere Akzente.

Und baut sehr auf Sprache und klaren Gestus: Minimalismus an Show, Maximum an Eindringlichkeit. Wenn ja vielleicht nichts Neues mehr im „Faust“ zu entdecken ist, so kann doch diese Intensität neu berühren.

Margarete (Hannah Ehrlichmann) ist von Anfang an auf der Bühne. Kein naiv-frommes Gretchen-Mädchen, sondern eine selbstbewusste Frau mit erhobenem Haupt und erhabener Aura, betätigt sie wie eine Bühnenassistentin oder Mit-Erzählerin imaginäre Schalter, die Sound- oder Lichtverhältnisse verändern, legt für Faust Wäsche bereit, hilft ihm beim Umkleiden und Einüben jenes Textes, mit dem er sie bald darauf anbaggern wird. Überhaupt wird das Text-Wechseln zwischen den Protagonisten zum reizvollen poetischen Mittel: Beide begegnen sich auf Augenhöhe. Umso drängender die Frage, warum wird das so tragisch?

Faust (Andreas Anke) erlebt mehr als den üblichen Wissenschaftler-Frust über Erkenntnisschranken. Er ist zerrissen in den Vereinsamungen und Abwegen der arbeitsteiligen Gesellschaft. Vergeblich sucht er dieser Entfremdung zu entkommen. Und sein Versuch, mit Hilfe von Mephistopheles doch noch das groß gelingende Leben zu finden, stößt ihn letztlich auf die eigene Deformation zurück. Dieser Heinrich Faust ist psychopathisch: Wenn er verlangt, ihm die Dirne (als Objekt) zu verschaffen, oder wenn er den heimlichen Besuch ihrer Kammer zur Masturbationsszene macht, wenn er Maragarete vergewaltigt oder später im regelrechten Mordrausch immer wieder auf ihren Bruder Valentin einsticht. Er hat zuvor aber auch berührende Momente, wenn er große Skrupel zeigt oder wenn er beim Rendezvous mit Gretchen unbeholfen, fast unfähig zum Flirten ist.

Der Dritte im zentralen Trio: Mephistopheles, gespielt von Julia Keiling, bronzefarben geschminkt, mit seltsamen Riesenohren. Neben einer kurzen Hexenepisode mit Özgür Platte ist Mephisto das einzige Fabelwesen in dem sonst ganz irdischen Spiel. Sie hat ausreichend Raum, um die Paradestellen dieser Rolle mit Coolness auszuspielen, bleibt aber dabei diszipliniert im Ensemble, um nicht im volksstückhaften Teufelsgaudi den großen Ernst dieser Inszenierung aufzulösen. Sechs Schauspieler und neun Kinder aus der Region machen diesen „Faust 1“ zum hoch konzentrierten Erlebnis.

Dietrich Pätzold

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