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Kultur Feiningers Welt und andere Balance-Akte
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00:00 18.03.2016

Den Maler und Grafiker Lyonel Feininger (1871-1956) kennt jeder, der gern Kunst anschaut. Oder doch nicht? Im Kunstmuseum Ahrenshoop sind jetzt rund 130 Arbeiten des weltbekannten Deutsch-Amerikaners zu sehen, die manche Überraschung bieten. Die in zwei Ausstellungssälen und im Foyer gehängten Zeichnungen, Grafiken und Gemälde machen jenen entscheidenden Umbruch zum Schau-Erlebnis, in dem der Künstler seine Formulierungsweise zu dem entwickelte, was man heute unter Feininger verstehen zu können glaubt.

Besonders interessant wird in der Ausstellung, woher dieser Lyonel Feininger künstlerisch kommt, der ja Ende des 19. Jahrhunderts schon als Karikaturist in Deutschland berühmt war, bevor er sich um 1907 der Malerei zuwandte. Einerseits beginnen die frühen Zeichnungen und Grafiken mit einem sehr traditionell anmutenden Zugriff auf die Natur, doch noch deutlicher wird eine Suche nach Ausdrucksformen, wie das für viele Künstler jener Aufbruchsjahre (Expressionismus, Kubismus, Futurismus) prägend war. So präsentiert die Schau am Beginn des Rundgangs eines von Feiningers ersten Gemälden: „Bauernhaus bei Lobbe auf Rügen“ von 1907 scheint noch vom Impressionismus zu kommen — und passt damit recht gut zu den traditionellen Arbeiten der Ahrenshooper Künstlerkolonie, die das Museum auch zeigt. „Man sieht schon am Duktus dieses Frühwerks, an seiner erlesenen und reichen Farbwahl, dass Feininger von Anfang an mit Meisterschaft gemalt hat und später seine Formulierungsweisen ausarbeitete“, sagt Dr. Katrin Arrieta, die künstlerische Leiterin des Kunstmuseums.

Woher dieser Feininger künstlerisch kommt — zu dieser Frage gehört der intensive Bezug des Malers zur Ostsee. Den hebt die Ausstellung mit ihrer Auswahl nochmals besonders hervor. Die Bilder sind in thematische Gruppen gegliedert, die auch die Ostseebesuche Feiningers zwischen 1892 und 1913 dokumentieren: Die Komplexe „Auf dem Lande“ und „Middelhagen“ zeigen Rügen-Bilder, unter der Überschrift „Graal und Ribnitz“ ist man in der Nähe Ahrenshoops. „Benz und Zirchow“ und „Villa am Strande“ zeigen Usedom-Bilder, hinzu kommen Motiv-Reihen wie „Wolken“, „Strandleben“, „Landungssteg und Hafen“

sowie „Marine“.

Zugleich wird Feiningers Umbruch innerhalb jeder Themengruppe sichtbar: Von Skizzen und Zeichnungen über Grafik bis zum Gemälde reicht die Entwicklung einzelner Motive über die Jahre, und formal beginnt sie gegenständlich, verändert Formen zur Überhöhung und führt zu der für Feininger typischen „kristallischen“ Bildform. „Nebenbei gibt es immer wieder menschliche Szenen, in denen Feininger auf seine Erfahrung als Karikaturist zurückgreift“, sagt Frau Arrieta. Und mit „Badende liegend am Strand“ (1915) zeigt die Schau eines der wenigen Gemälde, in denen Feininger die „kristallische“

Gestaltung auf menschliche Figuren anwandte.

Für Besucher ein schönes Reservoir des Vergleichens und Erlebens. Die Schau ist übrigens ein Vermächtnis des im Oktober verstorbenen Spiritus Rectors des Museums, Guenter Roese, der die Idee hatte — und die Kontakte zu Moeller Fine Art Advisory und dem Lionel Feininger Project LLC, die mehr als die Hälfte der Leihgaben beisteuerten.

Reiner Zufall, aber dennoch ein künstlerischer Zusammenklang ist, dass gleichzeitig im Kunstmuseum Ahrenshoop Hubertus von der Goltz eine Ausstellung mit Installationen eröffnet. „Balance“ heißen die Arbeiten des fast 75-Jährigen oder „Begegnung“, wenn zwei Figuren im Spiel sind, oder „Flucht“, wenn es sich um eine ganze Figurengruppe handelt, die er anlässlich des Jugoslawienkrieges der 90er Jahre schuf. Es sind kleine Figuren-Silhouetten, die auf sehr verschlungenen Wegen (gebogene Drähten) oder anders akzentuierten Stegen tastend entlangbalancieren — in der Ungewissheit eines vergleichsweise riesengroßen Raumes. Die Wege der Figuren kommen aus der Wand und führen in sie zurück. Dazu zwei große Installationen im Raum: die eine ein solches Balance-Motiv auf hoher Säule, die andere — fragil, aber auch stabil und elastisch — aus farbigen Leisten ohne Schrauben gefügt. „Jedes hält das andere und wird vom anderen gehalten“, sagt von der Goltz. Es ist wie im Denken — und wie im Leben.

Eröffnung: 18. März, 18.00 Uhr,

Kunstmuseum Ahrenshoop, Weg

zum Hohen Ufer 36

Von Dietrich Pätzold

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