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Feldmanns Versprecher: „Volkstrott“ und „Schnapsmusikkorps“

Berlin Feldmanns Versprecher: „Volkstrott“ und „Schnapsmusikkorps“

. „Nebelverdichtung je nach Bevölkerungsstärke“ war noch harmlos. Besser schon: die „demokratische Hodenreform“ oder „bunte Transparente und Bruchbänder“.

Berlin. . „Nebelverdichtung je nach Bevölkerungsstärke“ war noch harmlos. Besser schon: die „demokratische Hodenreform“ oder „bunte Transparente und Bruchbänder“. Hat das „Pilotbüro der SED“ das etwa gesehen? Dass solche Versprecher bei Zuhörern und Zuschauern in der DDR oft komisch ankamen, ist eine Seite. Etliche Kollegen hatten ständig Angst, dass ihnen der Zungensalat politisch negativ ausgelegt werden könnte, schreibt Klaus Feldmann (79) in seinem neuen Buch „Verhörte Hörer“.

Der langjährige Sprecher der DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ hat auch für den Buchtitel einen Versprecher gewählt, der in der Sendung „Pulsschlag der Zeit“ beim Berliner Rundfunk in die DDR-Welt ging. Es hätte auch der Lapsus linguae — wissenschaftlicher Begriff für Versprecher — sein können: „Guten Tag, meine Damen auf Herren“.

Mit Selbstironie hat Feldmann, der am 24. März 80 Jahre alt wird, etliche Anekdoten über Kollegen und sich selbst zusammengetragen. Es gibt auch Sequenzen, in denen deutlich wird, wie die DDR-Führung in den Medien regierte und unliebsame Kollegen zur „Bewährung in die Produktion“ geschickt wurden.

Bis heute sei unklar, warum 1975 die beliebte Sendung „Wünsch Dir was“ samt Moderatorin Irmgard Düren († 2004) plötzlich vom Bildschirm verschwand, heißt es. Düren habe aus ihrer Sympathie für Liedermacher Wolf Biermann — er wurde 1976 ausgebürgert — keinen Hehl gemacht, schreibt Feldmann nur.

Eine Nachricht über Erich Honecker habe immer an erster Stelle verlesen werden müssen — aber nicht ohne Titel: Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und Vorsitzender des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, schreibt Feldmann. In jeder Sendung habe sich der Hörer oder Zuschauer mehrmals erklären lassen müssen, wer Honecker sei. Und die DDR-Presseschau im Staatlichen Rundfunk habe stets mit dem Leitartikel der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ begonnen. Einmal leitete ein Sprecher so ein: „Er ist übertrieben — Verzeihung — überschrieben“.

Ob Wetterberichte, Musiksendungen, Sport-Reportagen — der Fehlerteufel lauerte überall. Pannen wurden von Kollege zu Kollege weitergegeben und laut Feldmann intern gesammelt. In diesem Fundus stöberte der Journalist und nannte dabei seine Zunft-Kollegen auch mit Namen. Sich selbst sparte er nicht aus. Seit den 60er Jahren bis 1989 las Feldmann die Nachrichten im DDR-Fernsehen. Der gelernte Buchdrucker und Journalist, der in Berlin lebt, ist bis heute mit Lesungen seiner Bücher unterwegs.

Niemand sei vor der Versprecheritis gefeit gewesen, schreibt er. Das „Schnapsmusikkorps des Ministerium des Inneren“ war im DDR-Radio zu hören. Verdutzte Hörer erfuhren vom „Polka-Volkstrott“ und einem „Schwanzstreichorchester“. In einem Bericht über Bergleute unter Tage informierte der Reporter: „Und nun kommt die Parteileitung angekrochen“. Ein anderer versprach „zahnlose Helden“ des Alltags. Oft habe es dann politische Aussprachen gegeben. Jutta Schütz

OZ

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