Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Fernsehen „Polizeiruf 110“ aus Brandenburg: Lohnt sich der „Fall Sikorska“?
Nachrichten Kultur Fernsehen „Polizeiruf 110“ aus Brandenburg: Lohnt sich der „Fall Sikorska“?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:36 25.11.2018
Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon, rechts) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, Mitte) ist es gelungen, den Vater einer verschwundenen jungen Frau, Pawel Sikorska (Krzysztof Franieczek, links) ausfindig zu machen. Quelle: rbb Presse & Information
Potsdam

Wenn ein blondes Mädchen durch die ersten Bilder eines Krimis steigt, im rosafarbenen Bikini in der Oder badet und am Ende keiner weiß, ob es schon flirtet oder nur die Sonnencreme sucht, ist es bald tot. Naive Schönheit wird bestraft, das ist die Weisheit aus den Horrorfilmen – sie gilt auch für den Brandenburger „Polizeiruf 110“, selbst wenn er in der neuen Folge „Der Fall Sikorska“ das Verbrechen bei bürgerlicher Lautstärke sortiert, ohne den spitzen Schrei des Splatterkinos.

Denn Hans-Christian Schmid hat das Drehbuch geschrieben, zusammen mit Bernd Lange: Schmid ist ein präziser, fast poetischer Deuter der deutsch-polnischen Beziehungen, das hat er mit seinem Episodenfilm „Lichter“ aus dem Jahr 2003 bewiesen. Wenn er Paula, das blonde Mädchen im Bikini, leblos aus der Oder holen lässt, dem Grenzfluss zwischen beiden Ländern, braucht er einen stichhaltigen Grund. Denn fahrlässig lässt Schmid niemanden über die Klinge springen.

Maria Simon als puzzelnde Kommissarin

Paula, 19 Jahre, war das Au-pair-Mädchen der Familie Heise, einer Arztfamilie, deren Trübsinn greifbar ist und deren Unglück nicht mal Mitgefühl verdient. Ihr Nachruf auf Paula ist so scharf wie eine Ohrfeige: „Dass das mit der nichts wird, war ja klar“, „Es gibt ja hier nicht viel, aber was es gibt, das hat sie ausgereizt“.

Es erscheint zwingend, den Täter in dieser verrohten Sippe zu suchen. Das sind Fälle für Olga Lenski (Maria Simon), die sich auf eine herbe Klientel versteht und sie mit Langmut, Beharrlichkeit und einem ernsten, nahezu frommen Lächeln knackt. Leider muss sie sich im aktuellen Fall (Regie: Stefan Kornatz) sehr nüchtern an die Arbeit machen. Ihre Figur wird vollständig als Kommissarin definiert, nicht als alleinerziehende Mutter, nicht über weibliche Intuition, sondern als puzzelnde Ermittlerin. Was Kollege Adam Raszek (Lucas Gregorowicz) an Olga Lenskis Seite zu verrichten hat, bleibt weiterhin im Unklaren. Er wirft Nebelkerzen, führt auf falsche Fährten, verliebt sich nicht mal in die Kommissarin. Seine Rolle bleibt erzählerisch so dünn, dass es schmerzt um das Talent des Schauspielers Gregorowicz, der am Wiener Burgtheater schon ganz andere Gewichte stemmte.

„Der Fall Sikorska“ – eine Story ohne Klarheit

Der „Polizeiruf“ startet aus der Perspektive eines Spanners, der hinter Büschen auf das Oderufer schaut, wo Paula badet. Die Oder wird gleich zu Beginn vermessen aus der Vogelperspektive, sie verläuft unstet – Klarheit oder geradlinige Argumente, sagt uns der Auftakt, dürfen wir von dieser Story nicht erwarten. Denn das Verhältnis Polen – Deutschland ist angespannt, vor allem, weil die polnische Nation so tief gespalten ist.

Der „Fall Sikorska“ zeigt diese Spaltung exemplarisch an der Arztfamilie Heise. Gerd (Götz Schubert) als Deutscher heiratet die Polin Katarzyna (Lina Wendel), sie war früher mit Pawel (Krzysztof Franieczek) zusammen, hat Julia mit ihm bekommen und nahm sie mit hinüber ins neue Leben zu Gerd. Gerd und Julia, berichtet eine Freundin, traten wie ein Liebespaar auf. Und dann war Julia plötzlich fort, vor 15 Jahren. Lebt sie noch? Gibt es eine Verbindung zwischen ihrem Verschwinden und dem Tod des Au-pairs?

Es ist beeindruckend, wie komplex und gründlich dieser Film denkt, ohne kompliziert in seinem Ton zu werden. Die Story hat nichts Sinnliches, die Bilder der planschenden Paula wecken falsche Hoffnungen. An der Oder dominiert das Wort die neue Episode, nicht der Blick in die Weite. Das kennt man sonst anders von diesem Standort. Doch der Spannung schadet es nicht.

Gerd hat vor zehn Jahren seine Arbeit an einer Potsdamer Klinik verloren, weil er eine Frau belästigt haben soll. Er bestreitet das. Ständig joggt er, als laufe er seinem Leben davon. Und dann taucht Marcin (Filip Januchowski) auf, ein junger Pole, der Freund von Milena (Amanda Mincewicz), deren Mutter bei den Heises putzt. Marcin räumt ein, dass er eine Affäre mit Paula hatte, bevor sie starb. Die Fäden dieses „Polizeirufs“ laufen langsam, zuweilen auch in Wirbeln, auf den Täter zu, sie haben es nicht eilig. Die Oder auch nicht.

Polizeiruf 110: Der Fall Sikorska“ läuft am Sonntagabend um 20.15 Uhr in der ARD.

Von Lars Grote

Kein Untergang: Die Sky-Fortsetzung der Kultserie „Das Boot“ ist solides Antikriegsfernsehen.

22.11.2018

Am Freitag zeigt Sky die ersten zwei Folgen der achtteiligen Serie „Das Boot“. Die Neuauflage des U-Boot-Dramas knüpft an das Ende des gleichnamigen Films von Wolfgang Petersen an. Das Wichtigste zur Serie lesen Sie hier.

22.11.2018

Collien Ulmen-Fernandes glänzt als Erziehungsexpertin in der ZDFneo-Reportage „No More Boys and Girls“ und prangert Geschlechterstereotypen an. Die Doku läuft am Donnerstag.

22.11.2018