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Kultur „Glücklich wie Lazzaro“ – Heiliger unter Ausbeutern
Nachrichten Kultur „Glücklich wie Lazzaro“ – Heiliger unter Ausbeutern
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06:02 12.09.2018
Voller Unschuld: Lazzaro (Adriano Tardiolo) glaubt an das Gute im Menschen und wird ausgenutzt. Quelle: Foto: Piffl Medien
Hannover

Auf dem abgeschiedenen Landgut Inviolata irgendwo in Italien haust eine Gemeinschaft von Landarbeitern mit ihren Familien in einfachsten Verhältnissen. Der Verwalter erscheint mit bestellter Ware und macht eine Rechnung auf, die die Arbeiter noch weiter in die Schulden treibt. Er hat einen Geistlichen mitgebracht, der die Dreschmaschine segnet.

Eine Ausbeuterin von Landarbeitern fliegt auf

Vieles deutet darauf hin, dass wir uns in „Glücklich wie Lazarro“ in ferner Vergangenheit bewegen. Doch dem ist nicht so. Das wird klar, als bald darauf die Gutsbesitzerin mit ihrem Sohn Tancredi (Luca Chikovani) auftaucht, der über einen Walkman und ein frühes Mobiltelefon verfügt. Die Marquesa (Nicoletta Braschi) hält ihre von der Außenwelt abgeschotteten Untergebenen wie Leibeigene.

Der Sohn spannt den ebenso gutmütigen wie naiven Lazzaro (Adriano Tardiolo) dafür ein, seine Entführung vorzutäuschen. Die Aktion hat zur Folge, dass die Marquesa auffliegt, die Polizei die Landarbeiter befreit – und die Menschen in eine ungewisse Zukunft führt.

Rohrwachers Film beruht auf einer wahren Geschichte

Den Fall der Marquesa und ihrer Untergebenen hat sich Alice Rohrwacher („Land der Wunder“) nicht gänzlich aus den Fingern gesaugt. Er schlug in den Achtzigerjahren in Italien Wellen. Allerdings macht er nur die erste Hälfte des Films aus.

In der zweiten Hälfte lässt Rohrwacher den der Bibel entlehnten Lazzaro/Lazarus sterben, nach einem Zeitsprung wiederauferstehen und in der Stadt nach Tancredi suchen. Er ist wundersamerweise jung geblieben – und stößt auf seine viel älter gewordenen Gefährten, die am Rande einer Großstadt ein kärgliches Dasein fristen.

„Lazzaro“ wurde in Cannes mit dem Drehbuchpreis gekürt

Der Übergang zwischen hartem Realismus und Märchen erscheint krass. Aber ob Land oder Stadt, Feudalismus oder moderner Kapitalismus – die ausbeuterischen Verhältnisse sind geblieben. Einmal etwa sieht man, wie der ehemalige Gutsverwalter Migranten rekrutiert, die sich mit ihren Lohnforderungen gegenseitig unterbieten müssen, um einen Job als Erntehelfer zu bekommen.

Das in Cannes mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnete Werk strahlt eine seltsame Faszination aus. Das liegt zum einen daran, dass die Regisseurin ihrer dokumentarisch anmutenden Inszenierung magisch-poetische Einschübe verpasst.

Zum anderen liegt es an dem Titelhelden, den die Aura eines unscheinbaren Heiligen umgibt und der kein Wässerchen trüben kann. Lazzaro beansprucht nichts für sich selbst, erledigt alles, was man ihm aufträgt – und merkt nicht, wenn man ihn ausnutzt, weil er an das Gute im Menschen glaubt. Wie schön könnte doch die Welt sein, wenn es so wäre.

Von Jörg Brandes / RND

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