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Kultur „The House That Jack Built“: Die Männer sind schuld
Nachrichten Kultur „The House That Jack Built“: Die Männer sind schuld
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06:00 28.11.2018
Diese Frau nervt – und muss deswegen bald sterben: Die Anhalterin (Uma Thurman) und der Serienkiller Jack (Matt Dillon). Quelle: Foto: Concorde
Hannover

Schon in einem ganz normalen Thriller sollte ein potenzielles Opfer so etwas nie sagen, erst recht nicht in einem Film von Lars von Trier: „Sie sehen ein bisschen wie ein Serienkiller aus“, bemerkt die Frau zum neben ihr sitzenden Fahrer.

Der Auftritt von Uma Thurman währt eher kurz

Jack hat die Frau am Straßenrand aufgelesen, sie hatte eine Autopanne. Auf ihre Bitte hin hat er sie nur widerwillig in seinem roten Lieferwagen mitgenommen. Hinten sei auch viel Platz für eine Leiche, plappert die Frau weiter.

Diese Anhalterin nervt, keine Frage. Und schon hat Jack der Frau ihren eigenen (defekten) Wagenheber – Englisch: Jack – an die Schläfe gedonnert und sie auf der Ladefläche verstaut.

Der Auftritt von Uma Thurman währt eher kurz in Lars von Triers „The House That Jack Built“.

Von Triers Mörder ist auf dem Weg in eine opernhafte Hölle

In dieser frühen Filmszene steckt schon viel Lars von Trier: triefend schwarzer Humor, blutige Gewalt, bevorzugt gegen Frauen (so wie schon in von Triers hoch gelobten Filmen „Breaking The Waves“ von 1996 oder „Dancer in the Dark“ von 2000) – und ganz gewiss auch ein perfider Beitrag zur #MeToo-Debatte. Der leicht verklemmte Jack (Matt Dillon) sinniert wenig später: „Warum müssen immer die Männer schuld sein? Wenn du das Pech hast, als Mann geboren worden zu sein, bist du immer das Opfer.“

Die Frauen in diesem Film sehen das vermutlich anders: Mehr als 60 Menschen, die meisten davon weiblichen Geschlechts, hat Jack nach eigenen Worten umgebracht. Sein Leben beichtet er einem gewissen Verge.

Lange hören wir Verge nur aus dem Off, die Stimme gehört unverkennbar Bruno Ganz, der hier eine Art Psychotherapeuten mit besonderer Mission gibt. Verge ist Jacks Guide auf dem Weg in eine ziemlich opernhafte Hölle. Der Name erinnert wohl nicht zufällig an den Jenseitsführer Vergil in der „Göttlichen Komödie“.

Lars von Trier scheint nur noch Empörung auslösen zu wollen

Wir Zuschauer werden in mehr als zweieinhalb Kinostunden Zeuge von Jacks Top-Five-Morden, die Geschichte ist gegliedert in fünf Kapitel. Nach einem ähnlichen Erzählprinzip war auch schon von Triers Skandalfilm „Nymphomaniac“ aufgebaut. So viel Neues ist ihm nicht eingefallen. Nun scheint der Regisseur nur noch ein Ziel zu kennen: Er will Protest und Empörung auslösen – ganz egal, welche Geschmacksgrenzen er dafür unterbieten muss.

Einer Frau werden hier die Brüste abgeschnitten (aus einer davon fertigt sich Jack ein Portemonnaie), eine Familie wird vom Hochsitz aus mit Jagdflinte nach Waidmannsart erlegt– erst der kleine Bruder, dann der größere, dann die Mama. Bei dieser Reihenfolge flüchtet garantiert niemand in den Wald. So explizit hat man die Ermordung von Kindern wohl selten gesehen. Die Körper zucken, wenn die Kugeln einschlagen.

Das größte Zuschauererschrecken kitzelt von Trier bei einem Rückblick in die Kindheit des Killers hervor. Das Perfide dabei ist: Ausnahmsweise ist kein Mensch das Opfer. Der kleine Jack sitzt am Teich, fängt ein Entenküken mit dem Kescher, schnippelt ihm mit der Gartenschere ein Füßlein ab und lässt es wieder schwimmen– weshalb das arme Ding fortan nur noch im Kreis paddeln kann. Zumindest beim Filmfestival in Cannes hat das Publikum bei dieser Szene aufgestöhnt.

Ein Hinweis auf die Gewalt wäre zum deutschen Filmstart sinnvoll

In Cannes verließ ein ganzer Schwung Zuschauer das Kino vorzeitig – auf ihren Eintrittskarten waren sie ausdrücklich vor gewaltsamen Szenen gewarnt worden. So ein Hinweis wäre wohl auch zum Kinostart hierzulande sinnvoll.

Hat man erst einmal das Prinzip der permanenten Provokation als innere Antriebskraft des Regisseurs akzeptiert, lässt sich die dargebotene Gewalt besser durchstehen. Zumal von Trier auch sonst alles tut, um anzuecken: Er streut Bilder von Leichenbergen aus Konzentrationslagern ein. Dazu gibt es eine Eloge auf die Baukünste des NS-Ministers Albert Speer und eine weitere auf Stuka-Flugzeuge. Ebenso werden dokumentarische Exkurse über gotische Kirchen oder die Pianomusik von Glenn Gould geboten.

Auch Adolf Hitler erscheint im Bild, mit dem den Regisseur eine besondere Beziehung verbindet: Vor sieben Jahren vergaloppierte sich von Trier in Cannes in die wirre Aussage, er habe eine gewisse Sympathie für Hitler. Danach verbannte ihn das Festival. Im Mai wurde ihm Amnestie gewährt. Noch immer scheint er vollauf damit beschäftigt zu sein, diese innere Schmach mit filmischen Mitteln abzuarbeiten.

Lars von Triers Film wirkt wie ein Exorzismus in eigener Sache

Sein Film wirkt wie eine Selbsttherapie, wie ein Exorzismus in eigener Sache – zumal der Killer sich als Künstler versteht. Mit seinen sorgfältig drapierten Opfern veranstaltet er in einer Kühlkammer eine Art Körper-Happening. Jack ist ein von seinen Marotten Gepeinigter, der immer wieder an den Tatort zurückkehrt, um seinem Putztrieb zu folgen.

Ein von Neurosen Getriebener: Diese Beschreibung würde von Trier wohl auch für sich selbst gelten lassen. Wir sollten uns nicht zu sehr über diesen aus dem Ruder gelaufenen Höllenausflug aufregen. Seien wir froh darüber, dass der Däne sich für eine Laufbahn als Filmemacher entschieden hat. Es hätte schlimmer kommen können.

Von Stefan Stosch / RND

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