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Kultur Frei.Wild: Punk statt Braun
Nachrichten Kultur Frei.Wild: Punk statt Braun
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00:00 15.04.2013
Schwerin

Putziger Kontrast: Da spielen vier Männer im weißen Matrosendress (kurze Hosen, weiße Kniestrümpfe) taffen punkigen Alternative-Rock — und vor der Bühne und auf den Rängen der Schweriner Sport- und Kongresshalle sehnen 6000 vielfach schwarz-gewandete Frei.Wild-Fans ungeduldig ihre Lieblingsband herbei. Doch „The Jury and The Saints“ aus Neuseeland halten ihre 45 Minuten als Vorband tapfer durch. Und mit Recht werden die Kiwis mit mehr als nur freundlichem Beifall verabschiedet — ihre neue EP „Freedom Fighter“ (SPV) ist ein Kracher.

Schon beim Bühnen-Umbau dröhnt dann das erste politische Statement aus den Boxen: „Ob du Sozialfall oder Bänker bist/Punker oder Polizist/wichtig ist für uns/ du bist kein Extremist.“

Dieses prosaische Bekenntnis aus der Frei.Wild-Fanhymne „F.W.S.C.“ wird an diesem Abend noch einmal live gesungen werden — begleitet vom tausendfachen Fanchor. Und mehrfach noch wird die Band, die dann samt Zugaben mehr als 20 Songs spielt, musikalisch oder in der Moderation von Sänger und Texter Philipp Burger Stellung nehmen. Ihre aus ganz Norddeutschland angereisten Anhänger werden stets tosend Beifall spenden.

Power-Punk und politische Parolen: Das alles hat seinen Grund. Vor allem seit dem Ausschluss von der Echo-Nominierung durch die Deutsche Phono-Akademie im März stehen Frei.Wild wie nie zuvor im Öffentlichkeits-Fokus. Damals hatten Bands mit Boykott der Preisverleihung gedroht, sollten die aus ihrer Sicht rechtsextrem gefärbten Frei.Wild dabeisein.

In den Medien, und vor allem im Internet, ist die Südtiroler Deutschrockband seither zum Dauerstreitthema geworden. In der Tat kann Frontmann Burger etwa auf eine bewegte Jugend bei den Skinheads und den Skinrockern „Kaiserjäger“ zurückblicken. Heute distanziert sich der 32-Jährige allerdings öffentlich und betont: „Ich verachte Nazis aufs Tiefste.“

Das hilft Frei.Wild nur bedingt. Experten nennen ihre Musik Identitätsrock, nationalistisch, teils gar völkisch geprägt. Ein Ex-Bundeswehrsoldat, der zweimal im Afghanistan-Einsatz war und beim Konzert seinen Namen nicht nennen will, versteht den Nationalismus-Vorwurf nicht: „Mein neuer Arbeitgeber würde mich feuern, sollte ich mich als Frei.Wild-Fan bekennen. Die singen von Vaterland, na und? Als Soldat habe ich aufs Grundgesetz, also auch auf mein Vaterland, geschworen — oder?“

Bei den Fans, auch in Schwerin, wirkt der Dauerdisput um Frei.Wild anders: Sie solidarisieren sich mit ihren Idolen. Sie skandieren simple medienkritische Slogans wie: „Schlagzeile groß, Hirn zu klein“ und selbst patriotisches Liedgut wie „Südtirol“. Die aktuelle „Feinde-deiner-Feinde“-Tour strickt am Opfer-Status, etwa mit T-Shirts wie „Leckt uns am Arsch“.

Frei.Wild sehen sich quasi „gehasst, verdammt, vergöttert“, wie weiland die Böhsen Onkelz aus Erfahrung sangen. Von Rechtsaußen als Verräter geächtet, von den Linken geschmäht, von der Öffentlichkeit fast ignoriert. Nicht von ungefähr sichtet man bei Frei.Wild zahlreiche Onkelz-Shirts. Nazis aber outen sich nirgendwo. Besser ist das: Hardrock-Fans wie Binnenfischer Rüdiger Purand (55), der mit 18 Leuten aus Neuruppin (Brandenburg) angereist ist, sagen: „Mit Nazis haben wir gar nix am Hut.“

Musiker unter Verdacht
Musiker unter Nazi-Verdacht gab es immer wieder. Die Böhsen Onkelz (1980-2005) hatten schon lange rechtsradikalen Verirrungen Anfang der 80er abgeschworen, doch selbst ihr jahrelanges Engagement und Songs gegen Extremismus von Links wie Rechts („Ohne mich”) wurde ihnen kaum abgenommen. Bei ihren Konzerten, u.a. in Schwerin, wurden Nazis nach Hitlergrußen aus der Halle geworfen.

Sogar Rammstein, Deutschlands erfolgreichster Rock-Export, geriet unter Verdacht, etwa wegen angeblich Riefenstahlscher Video-Ästhetik. Das rollende „Rrr” wurde aus dem Bundeswehrradio in Afghanistan verbannt, um Irritationen zu vermeiden. Auch Volkslied- und Schlagerbarde Heino wurde vom Feuilleton einst in Nazinähe gerückt.

Jürgen Schultz

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