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Fünf Stelen gegen das Verfehlen von Rostock-Lichtenhagen

Rostock Fünf Stelen gegen das Verfehlen von Rostock-Lichtenhagen

Die Künstlergruppe Schaum gewinnt Wettbewerb um die Einrichtung von Erinnerungsorten

Rostock. . Immer wenn es regnet, wird das Kunstwerk weinen – Tränen der Scham, der Wut, der Reue, des Gedenkens an das, was da geschah Ende August 1992 in Rostock-Lichtenhagen; als Steine und Brandsätze flogen auf das Sonnenblumenhaus, als ein Mob Hunderter Menschen die dort untergebrachte Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber angriff, als im Haus eingeschlossene Menschen um ihr Leben bangten. Es waren Bilder, die um die Welt gingen – und die Rostock bis heute stigmatisieren als Ort der Fremdenfeindlichkeit und des Hasses.

2017 – also 25 Jahre danach – will die Hansestadt Rostock dem etwas entgegensetzen mit einem dezentralen Kunstwerk, das erinnert und mahnt. 105000 Euro stellt die Stadt dafür zunächst bereit.

Sie lobte einen Wettbewerb aus, an dem sich bundesweit 89 Kandidaten beteiligten. Und seit Mittwochabend steht fest, dass die Künstlergruppe Schaum aus Rostock ihre Ideen wird umsetzen dürfen. Sie setzte sich unter elf Finalisten durch – in einem anonymisierten Verfahren.

Fünf Stelen aus weißem Marmor wollen die Bildhauerin Alexandra Lotz (42) und der Fotograf Tim Kellner (40) an neuralgischen Punkten jener August-Tage errichten; jeder mit hoher Symbolkraft. „Die Orte stehen exemplarisch für die Pfeiler der Demokratie“, schrieben sie in den Entwurf. Für die Politik, die Judikative, die Staatsgewalt, die Medien und die Gesellschaft und deren Zivilcourage.

Vor dem Rostocker Rathaus (Politik) soll ein Tränenbecken entstehen; ein Quader mit Vertiefung in Gesichtsform. „In dem Moment, in dem man den Kopf neigt, um sein Gesicht hineinzulegen, nimmt man eine Haltung ein, die Mitleid bedeuten kann, Scham oder Vergeltungswillen“, sagt Alexandra Lotz. Und wenn es regnet, weint das Kunstwerk; denn dort, wo die Augen sind, transportieren kleine Kanäle das Wasser ab; die Rinnsale münden neben der Stelle in einen Gully.

Eine zweite Stele direkt vor dem Sonnenblumenhaus soll die pervertierte Judikative darstellen; die Selbstjustiz des Mobs. Stehen soll sie auf einer Original-Beton-Gehwegplatte von damals, die extra zertrümmert wird. Ein Bruchstück der Platte – ein Stein – soll auf der Oberseite der Stele genau in seine Passform eingelegt werden – lose allerdings. Genau solche Steine wurden damals auf das Haus geworfen. Dass der Stein entnommen werden kann, nehmen die Künstler bewusst in Kauf. „Im schlimmsten Fall kommen sogar Typen mit Vorschlaghämmern – dann haben wir eine zertrümmerte Stele“, sagt Tim Kellner.

Drei weitere Stelen, deren Errichtung noch nicht gesichert ist und zusätzliche 40000 Euro kosten würde, sollen vor dem Polizeigebäude in der Rostocker Ulmenstraße (Ort der Staatsgewalt), vor dem Verlagshaus der OSTSEE-ZEITUNG (Ort der Medien) und auf der Fläche des ehemaligen Jugend Alternativ Zentrums (Ort der Zivilcourage) aufgestellt werden, von wo damals fast der einzige Widerstand ausging. Zudem planen die Künstler ein Buch, das Kita-Kindern und Grundschülern das Thema Lichtenhagen auf leichte, aber konkrete Art vermitteln soll. Auflage: 2500 Exemplare. „Was damals geschah, lag an einem Mangel an Empathie“, sagt Alexandra Lotz. „Es war eine maximale Verkettung unglücklicher Umstände“, meint Tim Kellner. „Aber es hätte Dutzende Möglichkeiten gegeben, es zu verhindern.“

Einer, der sich damals bemüht hatte, es zu verhindern, ist Wolfgang Richter. Der damalige Ausländerbeauftragte war am 24. August 1992 mit mehr als 130 Menschen, darunter 120 vietnamesische Gastarbeiter, im Sonnenblumenhaus eingeschlossen und musste schließlich über das Dach fliehen, als das Gebäude Feuer fing. Am Kunstwettbewerb war er als Sachverständiger beteiligt. Über die Gewinner freut er sich. „Ihr Entwurf war mein Favorit. Die Stelen stehen an Orten, die man besuchen kann – die Begegnung im Alltag ist wichtig.“

Auch Kunstprofessorin Stefanie Endlich, die dem Preisgericht des Kunstwettbewerbs vorsaß, war zufrieden. „Trotz der kleinen Dimension werden die Stelen im Stadtraum sehr präsent sein. Das hat mir von Anfang an gefallen.“

Thomas Pult

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