Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Für den Platz am Feuer

Burbank Für den Platz am Feuer

Robert Plants Album „Carry Fire“ mit den Sensational Space Shifters ist ein verwegenes Alterswerk

Burbank. Die Trommeln klingen wie ein gedämpfter Herzschlag aus der Tiefe, ein Keyboard sirrt, als wäre es ein Insekt überm Wasser und das Klavier murmelt wie ein ruhiger, verschatteter Fluss. Eine Abendstimmung beschwört der Sänger in „A Way with Words“ herauf. Dass er zurück sei aus der Kälte, dass er die Liebste finden wird, singt er, zuversichtlich, seinen „Platz am Feuer“ zu finden, während ein Cello schwere, psychedelische Bögen maunzt. „A Way with Words“ heißt der Song und je nachdem, wie man das liest, vertraut der Sänger entweder auf die Überzeugungskraft seiner Worte oder er will die Worte verscheuchen – „A Way with words“ – weil sie nicht auszudrücken vermögen, was ihn umtreibt.

 

OZ-Bild

Der britische Sänger und Ex-Bandmitglied von Led Zeppelin, Robert Plant, in Madrid.

Quelle: Foto: Kiko Huesca/dpa

Robert Plant (69), einst Frontmann von Led Zeppelin, legt mit „Carry Fire“ das zweite Album mit seiner Band Sensational Space Shifters vor. Es ist vom ersten („The May Queen“) bis zum letzten Song („Heaven Sent“) voll solcher Abendstimmungen, die gern auch als Lebensabendbeschreibungen gedeutet werden. Hinter den cineastischen Bildern schimmert zudem die komplizierte Gegenwart durch. In „Bones of Saints“ etwa, das klingt wie ein rumpelnder Rock’n’Roll aus den Fünfzigern, schildert Plant ein Endzeitszenario von Krieg, Flucht und Leid und beklagt die mitleidlosen Wohlstandsgesellschaften, die sich Nächstenliebe nicht mehr leisten wollen. „Woher kommt das Geld? Wer kauft die Patronen? Wer verkauft die Gewehre?“ fragt er. Und zitiert in „Carving Up the World Again“ auch den Mauerbauer Trump, den er ebenso ablehnt wie den Umgang der Medien mit ihm. Wie er Trump sieht, fragte ihn das Musikmagazin Rolling Stone. „Es wird sich alles zu gegebener Zeit zurechtrücken“, war Plant überzeugt.

In Texas lebte er eine Weile, gründete mit der Folk- und Countrysängerin Patty Griffin eine Band namens Crown Vic und kaufte sich ein altes Polizeiauto. Mit dem klapperten sie über Festivals, um zu spielen und anderen Bands zuzuhören. Es war eine gute Zeit zum Sich-frei-Fühlen, aber dann vermisste er seine Familie. So zog Plant vor drei Jahren zurück in die Nähe von Wales, um Ruhe und Frieden und den Platz am Feuer zu finden. Dort geht er mit dem Hund spazieren, spielt Tennis und jeden Mittwochabend um sieben auch Fußball mit alten Freunden, „bis mich jemand ins Tor schickt, weil ich aussehe als würde ich sterben.“ Und dann macht er noch diese Musik – Songs, die zwar vom Alter erzählen, sich aber jünger und verwegener anhören als so vieles, was von viel Jüngeren derzeit für die Charts abgeliefert wird. Die aber eine Art Geheimtipp sind.

Was nichts Neues ist für Plant. Auch seine Band Led Zeppelin hob zu Hause ja erst mal gar nicht ab. Was wollte eine britische Rockgruppe auch erwarten, die sich Ende der sechziger Jahre nach einem deutschen Luftschiff benannt hatte. Die Deutschen hatten England bombardiert, waren besiegt worden und 1968 schon wieder das gut gelaunte Aufschwungsland Nummer 1 in Europa. Während auf den britischen Inseln weit und breit kein Wirtschaftswunder in Sicht war. Die Himmelfahrt von Led Zep passierte in Amerika. Und griff von dort schnell auf den Rest der Welt über. Zwölf Jahre dauerte die Karriere dieser legendären Band, die Hardrock, Blues, Folk, Psychedelic und orientalische Klänge in ihren Sound mengte, bis ihr Schlagzeuger John „Bonzo“ Bonham starb und sie sich auflösten. Den „goldenen Gott“ nannte man Plant in seiner großen Zeit. Seither wollen Millionen Fans in aller Welt, dass der Zeppelin wieder steigt.

Und verstehen nicht, dass der grau gewordene Gott anderes im Sinn hat, als für die Legionen der Nostalgiker bis zur Bahre den „Stairway to Heaven“ zu bauen. Die Hallen der Space Shifters mögen kleiner sein, aber das Publikum, das Plant die Treue hält, interessiert sich für die musikalische Finessen seines Alterswerks, nicht fürs Feiern der eigenen Jugend. Ein Suchender ist Plant heute mehr denn je mit seinen Begleitern John Baggott (vornehmlich Keyboards), Liam Tyson (Gitarren), Justin Adams (Saiteninstrumente) und Dave Smith (Schlagzeug, Percussions). Diese fünf Space Shifters mischen Rock (mit grollenden und jubilierenden Gitarren) auf eine sehr spannungsvolle Weise mit Blues, Folk, Rockabilly, Electronica und – im Titelsong „Carry Fire“ – auch nordafrikanischen Klängen – zu einem Sound, der sich einer Schublade, einem Begriff entzieht. Plant mag am Feuer sitzen, aber er trägt es, darauf zielt der Albumtitel, auch in sich. Seine Stimme steigt dabei heute nicht mehr in die sirenenhaften Höhen des „Immigrant Song“, gewiss. Aber sie ist wärmer und zärtlicher denn je – wenn er beispielsweise mit silbrig-heiserem Timbre in „Season’s Song“ dem entflogenen süßen Vogel Jugend nachseufzt.

Wäre ein schöner Song fürs Radio. Das aber leider keine schönen Songs spielt, wenn die Sänger alt sind. Robert Plant: „Carry Fire“ (Nonesuch), erscheint heute (13. 10.)

Vorbild für eine ganze Generation von Hardrock-Sängern

Robert Plant veröffentlicht heute mit „Carry Fire“ seine inzwischen bereits 14. Soloplatte. Sie wurde wie auch schon „Lullaby and The Ceaseless Roar“ (2014) mit den Sensational Space Shifters aufgenommen: John Baggot (Keyboard), Justin Adams und Liam „Skin“ Tyson (Gitarre) sowie Dave Smith (Schlagzeug). Plant wurde am 20. August 1948 in West Bromwich (Staffordshire) geboren. Der britische Rockmusiker war von der Gründung 1968 bis zur Auflösung 1980 Leadsänger der britischen Rockband Led Zeppelin. Neben dem Gesang spielte er Mundharmonika. Seit Beginn des Aufstiegs von Led Zeppelin wurde Robert Plant ein Vorbild für eine ganze Generation von Hardrock-Sängern. Viele Sänger versuchten, seinen Stil zu imitieren, beispielsweise David Coverdale von Whitesnake, Bon Scott von AC/DC und David Lee Roth von Van Halen.

Matthias Halbig

Voriger Artikel
Mehr zum Artikel
Lübeck

Karl Bartos ist klassischer Musiker und hat 16 Jahre bei Kraftwerk gespielt. Dann stieg er aus. Jetzt hat er seine Autobiografie geschrieben.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.