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Gefängnisse als Akademien des Verbrechens

Schwerin Gefängnisse als Akademien des Verbrechens

Ausstellung von Gefängnis-Modellen im Schweriner E-Werk

Schwerin. Im Kleinen sehen die Bauwerke eigentlich ganz hübsch aus: Sterne, die sich um runde Türmchen gruppieren, eingefasst von einer Miniatur-Mauer. Doch die Wirklichkeit aus Stahl und Beton ist alles andere als hübsch: Die Ausstellung „Distinktion“ im Schweriner E-Werk zeigt Modelle von Gefängnissen der Künstlerin Katrin Michel – ein Plädoyer gegen den modernen Strafvollzug.

„Der Stern ist bei den Gefängnissen die häufigste wiederkehrende Form“, erklärt Andreas Wegner, Leiter des Schweriner Kunstvereins und Kurator der Ausstellung. „Dahinter steckt die Idee, dass ein Wärter, der in der Mitte sitzt, möglichst viele Häftlinge gleichzeitig im Blick hat.“

Rund ein Dutzend dieser Modelle hat Katrin Michel angefertigt. Als Vorlage nutzte sie Bilder des Internet-Kartendienstes Google Maps und selbst gemachte Fotos. „Die Arbeit ist ziemlich einmalig, denn aus Sicherheitsgründen bekam die Künstlerin keinen Zugriff auf die Baupläne“, sagt Wegner.

Die Modelle der auf Effizienz und Repression angelegten Gefängnisse in Deutschland, Großbritannien und den USA im ersten Raum der Ausstellung kontrastieren mit dem der norwegischen Gefängnisinsel Fengsel Bergen-Osteroy im Nebenraum: eine großzügig in die Landschaft gebaute Anlage ohne Zäune.

Dieser Kontrast zeigt Wegners Intention bei der Schweriner Schau: Justizvollzugsanstalten in ihrer herkömmlichen Form sind für ihn ungeeignete Instrumente, Straftäter zu behandeln: „Gefängnisse sind Akademien des Verbrechens: Viele werden dort erst richtig kriminell“, meint Wegner. Nach der Haftzeit sei es schwer, in die Gesellschaft integriert zu werden.

Auch neuere Haftanstalten, die mit ihrer modernen Architektur teilweise eher an Museen erinnern, ändern für Wegner daran nichts: „Das ist eine Verkitschung und verharmlost die Brutalität des Vorgangs, Menschen wegzusperren.“ Denn auch in durchgestylten Gefängnissen gebe es Isolationszellen, schlechtes Essen und ein angespanntes Verhältnis unter den Häftlingen sowie zwischen Häftlingen und Wärtern.

Für ihn ist es die vierte Ausstellung, die er für den Schweriner Kunstverein kuratiert. Zuvor hatte Wegner bereits mehrere eigene Projekte kuratiert. Sein erstes großes war 1999 die Aktion „Point of Sale“: Wegner eröffnete in Wien ein Geschäft, in dem ökologisch und konventionell hergestellte Produkte nebeneinander im Regal standen.

Nach MV kam der in Bremen geborene Künstler eher durch Zufall: „Wir haben ein Jahr in Frankreich gelebt und wollten uns eigentlich dort ein Haus kaufen. Beim Suchen im Internet bin ich durch Zufall auf ein Gutshaus bei Stralsund gestoßen, das uns sofort gefallen hat.“ Also kaufte er das Haus, renovierte es und zog ein.

Hier angekommen, schaute sich Wegner in der Kunstszene des Landes um. „Schwerin ist mit dem Kunstverein und den Staatlichen Museen sehr lebendig.“ So übernahm er 2015 die Leitung des Kunstvereins, den er mit zeitgenössischer Kunst und politischen Themen profilieren will: „Wir müssen künstlerisch darauf reagieren, was hier im Land passiert.“

Axel Büssem

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