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Gefühlsweiche Liebestragödie mit gewisser Ärmlichkeit

Schwerin Gefühlsweiche Liebestragödie mit gewisser Ärmlichkeit

Opéra lyrique „Margarethe“ in Schwerin als klischeehaftes Musikdrama

Schwerin. Mit der vierten Arbeit des neuen Hausregisseurs Toni Burkhardt (38) beendet das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin seine Indoor-Musiktheater-Saison, mit Charles Gounods Opéra lyrique „Margarethe“ (1859), einer großen Ausstattungsoper, entlehnt aus Goethes „Faust“.

Das sieht aus wie ein riesiges Arbeitspensum, täuscht aber, denn drei dieser Arbeiten sind Übernahmen aus dem Theater Nordhausen, dem vorherigen Wirkungsort des Regisseurs – so ungeniert ist das nicht üblich. Auch die „Margarethe“ ist die punktgenaue Wiederaufnahme einer Nordhäuser Produktion vom September 2015, bis in die Besetzung der Hauptrollen. Das muss nicht schlecht sein, wenn die Sache von so exzellenter Qualität wäre, dass sie auch dem Schweriner Publikum, das in den letzten Jahren innovative und solide Opernkunst erleben konnte, gezeigt werden muss.

Ist sie aber nicht. Im Gegenteil, sie ist die schwächste Leistung der Saison, durchgängig geprägt von einer gewissen Ärmlichkeit: in der Szenerie, im geistigen Konzept bis in die gesanglichen Leistungen hinein. Burkhardt verzichtet darauf, eine große Ausstattungsoper vorzuführen, platziert sie natürlich in der Gegenwart, lässt aber darin die gefühlsweiche Liebestragödie „Gretchens“ in den Verhaltensmustern und psychologischen Abläufen des 19. Jahrhunderts ablaufen, meist in opernhaften Darstellungsklischees, im permanenten Rampensingen.

Auch hier ist Faust (Lázaro Calderón) wie schon bei Gounod nicht einer, der erkennen will, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, sondern der nur ins Innerste Marguerites dringen will, verbrämt durch die poetische Prüderie des vorvorigen Jahrhunderts, bis er endlich vor dem begehrten Bett – lächerlicherweise – die Hosenträger fallen lässt. Marguerite bleibt das bekannte naive, verführbare und erzkatholische „Blondchen“, wie es gar nicht in unsere Zeit passt. Die alte Geschichte bleibt alt, das Moderne ist nur ein Kostüm, das nur weniger Aufwand (geistig und finanziell) erfordert als das ursprüngliche.

Dies gilt auch für das abstrakt-symbolische Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning, steril und glatt weiß, bis in die letzte Requisite, und eckig. Gewiss ein Einfall, der aber nicht ausgespielt wird. Ein zweiter isolierter Einfall solch billiger Aktualisierung ist der Versuch, in der „Walpurgisnacht“, die von Gounod als erotisierendes Bacchanal entworfen ist, Mephisto (Florian Kontschak), der sonst ein ziemlich dämonieloser Kerl ist, zum Urprinzip des Bösen hochzustilisieren, das hier durch Projektionen von Holocaust-Bildern, von Atomexplosionen und abgeschnittenen Köpfen repräsentiert wird – eine schon fast verantwortungslose Vernutzung des Schrecklichen. Es gibt noch zwei, drei solcher Einfälle, die sich aber alle nicht zum stimmigen Ganzen fügen. Aus dieser Oper lässt sich eben kein in die Kernfragen unserer Zeit zielendes Musikdrama machen, jedenfalls nicht mit dem, was hier geistig investiert wurde.

Bleibt die Musik, die die enorme Wirkung der Oper garantiert hat, ihr Wille zur lyrischen Entfaltung, die Sinnfälligkeit der melodischen Gebärde, elegant und ein wenig sentimental. Aber auch sie bleibt, infiziert von der Larmoyanz der Inszenierung, bestenfalls im mittleren Standard, von der Staatskapelle unter Gregor Rot sehr direkt musiziert, von den Sängern überzeugt am meisten Tijana Grujic als Marguerite, die zumindest in der Schlussszene zu künstlerischer Dichte findet.

Heinz-Jürgen Staszak

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