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Kultur Gegen das Grau
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00:00 30.09.2017

Plüschow. Rote Fäden sind wie Spinnweben zwischen die Treppen im alten Schloss-Foyer gespannt. Die Wolle stammt aus einem Schafstall in Mecklenburg, die Kunst von Forough Absalan aus Teheran. Beides, das Material und die Kunst, sind Rohstoffe, die wir zum Leben benötigen – das jedenfalls behauptet das Projekt „Ressource Kunst – nur Kunst kann die Welt retten“ im Schloss Plüschow in Nordwestmecklenburg. Seit mehreren Wochen arbeiten und leben hier Künstlerinnen aus aller Welt zusammen, jede hat ihre Antwort auf das Thema gefunden.

Beim Blick auf das rote Netz von Forough Absalan mag man an die globale Vernetzung denken, alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Andererseits ist es auch ein Netz, in dem der Einzelne sich schnell verheddern und gefangen werden kann. Sie selbst habe oft das Gefühl, nicht wirklich frei zu sein, sagt die junge Iranerin, und sie frage sich, ob überhaupt irgendjemand in der Welt frei sein könne.

Auf jeden Fall ist das Netz von einem betörenden Rot – und diese Farbigkeit und heitere Grundstimmung eint die meisten Kunstwerke der Frauen. „Alle haben zwar einen kritischen Blick auf die Welt, aber trotzdem geben sie einen positiven Ausblick“, sagt Miro Zahra. Die Leiterin des Künstlerhauses ist „total happy“ über dieses Projekt, das Künstlerinnen aus den USA, der Schweiz, dem Iran, aus Israel, Österreich und Deutschland zusammenbringt. „Es ist ein sehr kreativer Austausch.“

Schon während der Schaffensphase öffnete sich das Künstlerkollektiv, wie es in Plüschow heißt, Besuchern, fand ein Austausch zur Ressource Kunst statt, die in Mecklenburg-Vorpommern viel zu wenig abgerufen werde, wie Miro Zahra findet.

Gegen das Grau arbeitet die Schweizerin Sandra Hauser an. Bei einer Lesung unter der Autobahnbrücke in Plüschow beklebte sie die Pfeiler mit knallbuntem Papier und lud zu einer Performance ein. In der Ausstellung sind alte Autoreifen zu sehen, die sie Pink besprüht hat. Das Spiel mit den Gegensätzen beherrscht Dafna Kaffeman aus Israel perfekt. Die dreifache Mutter, die mit ihrem fünf Monate alten Sohn Indie im Künstlerhaus arbeitete, präsentiert auf Papierbögen zarte Blütenmotive, entweder mit Klebeband aufgeklebt oder gestickt. Am unteren Rand sieht man hebräische Schrift. Was so dekorativ und harmlos aussieht, entpuppt sich bei der Übersetzung als Affront: Es sind Ausschnitte aus Zeitungsmeldungen über die alltägliche Gewalt, nicht nur in Israel.

„Ziel ist es, mittels der Ressource Kunst das Bewusstsein für komplexe und oft widersprüchliche Zusammenhänge zwischen Ästhetik, Politik, Ökologie, Ökonomie und Migration zu schärfen sowie neue Arbeits- und Präsentationsformen der Bildenden Kunst zu erproben“ – diesen Anspruch von Miro Zahra an die Ausstellung haben die Künstlerinnen sehr lustvoll zu ihrem eigenen gemacht. Seien es die beiden Österreicherinnen, die zu einer Hausführung mit abgestempelten Pässen und der Performance „Arm, aber anständig“ einladen oder Rico aus Neubrandenburg, die auf T-Shirts und Beuteln Gewissensfragen stellt. Oder Heather Sheehan aus den USA, die in Sackleinen gekleidet auf dem Dachboden Kleider aus Sackleinen zuschneidet, näht, wäscht und aufhängt und damit dem Thema „Arbeit“ eine archaische Form verleiht. Das alles kann man heute ab 17 Uhr erleben und sich schließlich selbst ein Bild davon machen, ob Kunst die Welt retten – oder zumindest ein wenig bunter und verständlicher machen kann.

Petra Haase

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