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Kultur Gelassene Sicht auf das normale Leben
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11:51 24.03.2014
Rostock

Als gelöste Aufmerksamkeit lässt sich die Stimmung in der anderen Buchhandlung am vergangenen Montag wohl umschreiben, als Kohout, einer der renommiertesten Autoren Tschechiens, in melodiösem Deutsch Passagen seines neuen Romans vorstellte. „Meine Frau und ihr Mann“ (Knaus) der Titel weist bereits darauf hin ist kein allzu ernstes Buch.

Es handelt sich um eine Groteske, die, so der Autor, allerdings nach und nach ihre Unschuld verliert. Der Text gliedert sich grob in zwei Abschnitte, wobei der erste bereits in den siebziger Jahren entstand. „Wir waren damals eine Kommunität von Autoren, die sich die Zeit vertrieb mit Texten, die wir nur für uns schrieben.“ Zu Kohouts Freunden zählte auch Vaclav Havel. Zusammen hatten sie die Charta 77 verfasst, ihre Petition, einen reformierten Sozialismus betreffend. Waren die Autoren schon vorher Repressionen ausgesetzt, so folgten jetzt Publikationsverbot, Verhaftungen, Ausweisungen. 22 Jahre durfte Kohout in seinem Heimatland nicht publizieren dafür jedoch im Ausland.

Nach den 89er Ereignissen habe Kohouts Frau das 1977 begonnene Buch wieder ausgegraben und so habe er sich an den zweiten Teil gemacht. Spielt der Anfang des Buches noch im real existierenden Sozialismus, einer Zeit der Naivität, der Kungeleien, so bricht mit dem zweiten Teil die ebenso reale Welt des Kapitalismus über den Helden und seine frisch Angetraute herein. Mit all seinen Auswüchsen und Seltsamkeiten stelle das Buch, so Kohout, eine Beschreibung des momentanen tschechischen Lebens dar: „Jedes Mal, wenn ich mir für den Roman etwas einfallen ließ, was ich für vollkommen verrückt hielt, stand es ein paar Wochen später in der Zeitung.“

Der Besuch Kohouts war eine Premiere. Noch nie hatte es den Schriftsteller bisher nach Rostock verschlagen, obwohl seine Stücke am hiesigen Theater gespielt wurden. Heute vor 41 Jahren, am 1. September 1958 feierte sogar Kohouts Stück „So eine Liebe“ in Rostock seine deutsche Erstaufführung. „Wenn ich nun schon so selten in Rostock bin, dann lassen sie uns aber lieber nicht über das Buch sprechen, sondern eher über die Gegenwart. Schließlich haben wir, wenn auch nicht die gleichen, so doch ähnliche Erfahrungen.“ Kohout, der auf Lesereisen schon in sehr vielen deutschen Städten zu Besuch war, wirkte gelöst und heiter. Er selbst führt dies auf seinen neuen Roman zurück. „Früher“, erzählt der Autor, „waren meine Romane immer sehr düster. Manchmal kam ich mir vor wie ein Mann, der mit dem Koffer voller Leichen kommt. Diesmal fahre ich mit Erleichterung, ich freue mich auf jeden Abend.“

Die politischen Zustände spielen bei diesem Wandel der Stimmung eine große Rolle und es überrascht, wie sehr die westliche Pragmatik als Lebensauffassung offenbar schon lange in tschechischen Intellektuellenkreisen Fuß gefasst hat. „Was jetzt begonnen hat“, sagt der Autor über die Zeit nach 1989, „ist ein ganz normales Leben. Wenn jetzt etwas nicht funktioniert, dann ist das ein Problem des Landes. Jetzt kann man nicht mehr dem Kreml Schuld geben, alles ist selbst gebastelt.“

Dieser Optimismus hat wohl historische wie auch mentalitätsgeschichtliche Gründe. Spätestens seit der Charta 77 habe in der Tschechoslowakei eine Annäherung der Ansichten und Intentionen quer durch alle Schichten der Gesellschaft funktioniert, vor der die Regierung gehörigen Respekt hatte und die bis zum Ende des Ostblocks bestanden habe. Andererseits scheint Menschen wie Kohout der Optimismus im Blut zu liegen. Beneidenswert, wie frei von Ressentiments und Polarisierungen er über die sozialistische Vergangenheit seines Landes reden konnte und mit welcher vergleichsweisen Leichtigkeit man offenbar die Zeit der Diktatur überstanden hat: „Wir haben sehr viel gefeiert, jede ausländische Premiere und jede Publikation. Wenn jemand aus der Haft entlassen wurde, war das auch ein Grund zu feiern.“ Die gelassene Wirklichkeitssicht des Schriftstellers ist schließlich gekoppelt mit einer charmanten Selbstironie. Auf die Frage, was er denn erreichen wolle mit seiner Literatur, erwidert er lächelnd: „Die Zeiten, wo ich Großes erreichen wollte, liegen 55 Jahre zurück. Heute schreibe ich nur noch für mich.“



MATTHIAS SCHÜMANN

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