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Geld regiert die Welt — aber wer regiert das Geld?

Geld regiert die Welt — aber wer regiert das Geld?

Interview von Jens Burmeister Der frühere US-amerikanische Autokönig Henry Ford soll einmal gesagt haben, dass es gut ist, dass die Menschen das Geldsystem ...

Interview von Jens Burmeister

 

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Interessant ist, dass sich die Geldmenge in den letzten 15 Jahren verdreifacht hat. Das ganze neue Geld haben zum großen Teil private Banken geschöpft.“Der Buchautor Paul Schreyer

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Interessant ist, dass sich die Geldmenge in den letzten 15 Jahren verdreifacht hat. Das ganze neue Geld haben zum großen Teil private Banken geschöpft.“Der Buchautor Paul Schreyer

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Zur Person

Paul

Schreyer:

„Wer regiert das Geld?

Banken,

Demokratie

und

Täuschung“, Westend-

Verlag,

224 Seiten, 17,99 Euro

Der frühere US-amerikanische Autokönig Henry Ford soll einmal gesagt haben, dass es gut ist, dass die Menschen das Geldsystem nicht verstehen, sonst hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh. Eine extreme Zuspitzung — oder ist da wirklich was dran?

Paul Schreyer: Über die Hintergründe des Geldsystems wird zumindest selten gesprochen. Den Satz von Ford hat übrigens Bundespräsident Gauck einmal auf einer Rede vor dem Bankenverband zitiert und damit Gelächter unter den versammelten Bankern geerntet. Es stimmt sicher, dass kaum jemand, auch unter den Politikern, das Geldsystem wirklich versteht.

Wie sind die modernen Banken eigentlich so mächtig geworden?

Schreyer: Banken spielen schon lange eine Doppelrolle: Sie erzeugen nicht nur einen großen Teil des Geldes, sondern sie entscheiden auch darüber, welche Personen, Firmen oder Staaten es dann geliehen bekommen und welche eben nicht. Außerdem betreiben sie unser aller Zahlungssystem, die Buchführung jedes einzelnen Girokontos. Damit sind wir alle abhängig von den Banken, denn ohne Girokonto kann man am modernen Leben kaum teilnehmen.

Großbanken gelten heute als „systemrelevant“. Warum ist das so?

Schreyer: Das ist eigentlich nur eine Umschreibung für ihre Macht. Im Grunde besagt diese Formulierung, dass die Banken der Maßstab sind. Das „System“, das ist eigentlich das Geldsystem, und das betreiben eben die Banken.

In der Finanzkrise 2007/08 wurden Milliarden in die Rettung der Banken gepumpt, nur die Liste der Profiteure in Deutschland blieb geheim. Warum nur?

Schreyer: Weil die Profiteure der staatlichen Rettung — etwa der berühmten Hypo Real Estate — eben nicht nur kleine Pensionskassen waren, wie es oft hieß, sondern vor allem internationale Großbanken — wie zum Beispiel die Bank of New York Mellon, die Bank of America oder die Deutsche Bank. Hätte die Regierung das von vornherein klargemacht, dann hätte man die Bankenrettung 2008 wohl kaum so leicht durchsetzen können. Die Liste der Profiteure wurde erst ein Jahr später an die Presse lanciert. Da waren die neuen Gesetze aber längst unterschrieben.

Sie räumen in Ihrem faktenreichen Buch mit zahlreichen Mythen auf — etwa dem, dass nur die Zentralbanken Geld schöpfen könnten. Wer noch? Und warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, darüber Bescheid zu wissen?

Schreyer: Geld ist nicht einfach so da. Jemand erzeugt es zunächst. Bei den Geldscheinen, also beim Bargeld, ist die Sache klar: Die Zentralbank druckt es — im Euroraum also die Europäische Zentralbank. Aber Bargeld macht heute nur noch weniger als 20 Prozent des umlaufenden Geldes aus. Längst bilden die Beträge auf unseren Girokonten den Hauptteil. Was viele nicht wissen: Dieses Geld entsteht immer dann, wenn Kredite vergeben werden. Jeder Kredit ist also neu geschöpftes Geld, das vorher nicht existierte. Das Geld wird daher heute zum größten Teil von privaten Banken geschaffen. Sie sind also nicht nur Geldverleiher, wie man immer denkt, sondern auch Geldschöpfer.

Das allerdings ist so nicht in Ordnung und rechtlich gesehen eine Grauzone. Wer das Geld erzeugt, der hat damit automatisch die meiste Macht in der Gesellschaft.

Warum verschuldet sich der Staat bei Privatbanken und verschafft sich nicht direkt Geld bei der Zentralbank? Ist das nicht eine Form des Souveränitätsverzichts?

Schreyer: Praktisch schon. Der Staat macht sich abhängig. Das müsste er nicht, er könnte sich das Geld genauso gut bei der eigenen Zentralbank leihen. Deren Zinsgewinne und Profite würden dann wieder in den öffentlichen Haushalt fließen — Private könnten also nicht jedes Jahr Milliarden abzweigen, so wie heute.

Aber es heißt doch immer, der Staat könne nicht mit Geld umgehen und würde sich, lässt man ihn an die Geldquelle, unverhältnismäßig verschulden?

Schreyer: Diese Gefahr gibt es, das stimmt. Die Zentralbank kann theoretisch so viel Geld erzeugen wie sie will — genau wie auch die privaten Banken. Der Staat verschuldet sich ja heute schon längst unverhältnismäßig, nur eben bei Privaten. Wenn zukünftig die Zentralbank dem Staat neues Geld leihen würde — was ihr nach EU-Recht derzeit übrigens verboten ist —, dann gäbe es aber nicht automatisch eine Inflation, wie viele befürchten.

Nämlich wann dann?

Schreyer: Erst wenn die Geldmenge stärker wächst als der Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Währungsraum angeboten werden. Das ist logisch: Wächst die Wirtschaft, dann darf und muss auch die Geldmenge mitwachsen. Sie darf nur nicht stärker wachsen. In der Eurozone zirkulieren heute nach Angaben der EZB etwa 6000 Milliarden Euro — 1000

Milliarden an Bargeld und 5000 Milliarden auf Girokonten. Interessant ist, dass sich die Geldmenge in den letzten 15 Jahren verdreifacht hat. Das ganze neue Geld haben zum großen Teil private Banken geschöpft, indem sie Kredite ausgegeben haben, die vor allem in die Börsenspekulation geflossen sind. Wenn also jemand nicht mit Geld umgehen kann, dann offensichtlich diese Banken. Wichtig und entscheidend für eine stabile Währung ist, dass die Geldmenge nicht dermaßen aus dem Ruder läuft, egal ob nun eine öffentliche Zentralbank oder ob private Banken dafür die Verantwortung tragen.

Fjodor Dostojewski sagte einmal: „Geld ist geprägte Freiheit“, Leo Tolstoi hingegen: „Geld ist Sklaverei“. Wer hat recht?

Schreyer: Beide. Geld ist Freiheit für die Geldschöpfer und Besitzer und Sklaverei für die Schuldner. Deshalb ist es so wichtig, wer das Geld überhaupt erzeugen darf.

Darüber sollte mehr diskutiert werden.

OZ

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