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Genazinos neuer Roman: Lethargisches Warten auf eine bessere Welt

Frankfurt/Main Genazinos neuer Roman: Lethargisches Warten auf eine bessere Welt

Er leidet. Er hat Angst. Ihn plagen Sorgen. Dieser Mann hat es wirklich nicht leicht. Auch dieser, muss man sagen, denn die Protagonisten in Wilhelm Genazinos Romanen sind nie zu beneiden.

Frankfurt/Main. Er leidet. Er hat Angst. Ihn plagen Sorgen. Dieser Mann hat es wirklich nicht leicht. Auch dieser, muss man sagen, denn die Protagonisten in Wilhelm Genazinos Romanen sind nie zu beneiden. Nach „Das Glück in glücksfernen Zeiten“, „Wenn wir Tiere wären“ oder „Bei Regen im Saal“ und nun: „Außer uns spricht niemand über uns“. Heute kommt das Buch in die Läden.

„Ich lebte fast ohne Grund, ohne Absicht und ohne Ziel, aber mit viel Gedanken. Deswegen fühlte ich mich oft überfordert und daher oft löcherig oder halb angefressen.“ Es ist dies nur eine Bestandsaufnahme von vielen, genau genommen macht dieser Mann ständig Inventur. Wir sehen, wie dieser gescheiterte Schauspieler, der von Jobs als Rundfunksprecher lebt und auch mal eine Moderation bei Modenschauen annimmt, nicht zuletzt wegen der Aussicht auf ein überschaubares Abenteuer mit einem Mannequin. Genazino schreibt tatsächlich Mannequin, was schön ist, so ein bisschen antiquiert.

Dennoch wirkt dieser Mann zeitlos, ein Witwer, der, als seine Armbanduhr stehenbleibt, allein deshalb eine neue Batterie kauft, weil er sichergehen möchte, dass die Zeit verstreicht.

Hier ist wieder einer, der durch die Straßen streift, der – im Wortsinn – seinen Gedanken nachgeht. Er tut dies aus verschiedenen Gründen, einer davon ist: zu vergessen. Vergessen will er Carola. Die ihn verlassen hat. Davongerannt. Sie arbeitet als Telefonistin in einer Spedition, was ihr peinlich geworden ist, und trainiert für einen Marathon, was ihr Weg ist, auf der Stelle zu treten. Sie sorgt dafür, dass ihr Freund sich neue Unterhemden kauft und besorgt ihm Schlafanzüge, die er nie trägt. Gern würde sie bei ihm einziehen, doch er übergeht die Frage. Sie hätte (dann doch) gern ein Kind mit ihm, nur bietet er keine Sicherheit. Finanziell nicht und schon gar nicht emotional. Die beiden sprechen über nichts. „Man kann eben nicht zu anderen Menschen aufrichtig sein und gleichzeitig zu sich selbst.“ Auch Carola ist Lethargie nicht fremd, doch scheint sie zu wissen, was sie will. Zumindest, dass sie etwas will. Und sie handelt. Zum Beispiel trinkt sie. Dabei trägt er eine bessere Welt stets mit sich herum, „für den Fall, dass es eine bessere Welt einmal geben sollte, war ich vorbereitet“. Von solchen Sätzen ist es nicht mehr weit zu den „Kulturmelancholikern“, die ihr Leiden nicht ausfindig machen können, „weil sie die Gründe für das Verschwinden immer bei äußerlichen Anlässen“ sehen und nie bei sich selbst.

Doch so nah kommt der Ich-Erzähler dem Tellerrand selten, muss er doch die Mangelgefühle auslöffeln, eine kalte Suppe der Vergangenheit. Bei Geburtstagsfeiern der Verwandtschaft „saßen lauter erfolglose Kriegs- und Nachkriegsverlierer in unserem Wohnzimmer und gaben sich gegenseitig recht“. Mit all dem, mehr oder weniger ironisch unterfüttert, sind Genazinos Leser vertraut: mit aufsteigender Kindheit, der Fixierung auf Brüste, der Angst vor Kaufhäusern, Urlaub und eheähnlichen Zuständen, mit trinkenden Freundinnen und der Beobachtung von Obdachlosen oder anders ausgestoßenen Menschen. „Momentweise hatte ich das Gefühl, mich in einer Nachkriegszeit ohne Krieg zu befinden. Warum sahen so viele Leute verloren und verlassen und sogar verhöhnt aus?“ Den Rahmen bietet Frankfurt am Main, im Kern gehört alles zum Inventar des unbehausten Mannes. Der hat bei Genazino „ein gutes Verhältnis zur Wiederkehr des Gleichen. Stets war ich darauf gefasst, dass etwas zu Ende ging, aber dann hörte ich im Radio die immergleiche Musik von Mozart, Beethoven, Bach, Chopin und all den anderen.“ Was diesem Manne fehlt, ist Fantasie für Möglichkeiten.

So ist die Gefahr natürlich groß, während der Lektüre des Buches das Interesse zu verlieren an dieser Figur, der Wilhelm Genazino keinen richtigen Gegenspieler gibt. Es bleiben viele kluge Sätze, bei denen es sich gut verweilen lässt. Bevor der Mann weitergeht und stehenbleibt und wartet. Am Ende weiß er übrigens, auf wen. Janina Fleischer

OZ

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