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Genie und Wahnsinn

Berlin Genie und Wahnsinn

Berliner Galerie zeigt Paul Goesch mit Bruno Taut und Paul Scheerbart / Der in Schwerin geborene Künstler beeinflusste die moderne Architektur / Wegen psychischer Krankheit wurde er von den Nazis ermordet

Berlin. Selten lagen Genie und Wahnsinn so nah beisammen: Der Schweriner Architekt und Maler Paul Goesch (1885-1940) schuf wegweisende Bilder und Entwürfe, die namhafte Architekten maßgeblich beeinflussten. Aber er kämpfte auch zeitlebens mit psychischen Erkrankungen. 1940 wurde ihm das zum Verhängnis: Die Nationalsozialisten ermordeten ihn in ihrem Euthanasie-Wahn.

Jetzt widmet die Berlinische Galerie Paul Goesch und seinem Umfeld eine Ausstellung.

Im Mittelpunkt der Schau „Visionäre der Moderne“ stehen neben Goesch zwei weitere Künstler: der Schriftsteller, Dichter und Erfinder Paul Scheerbart (1863-1915) und der Architekt Bruno Taut (1880-1938). Sie alle vereinte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die Idee von einer neuen Architektur, die die Fesseln des herkömmlichen Bauens sprengen sollte.

Den Startschuss setzte Scheerbart, der als Dichter und Schriftsteller fantastische Ideen von Palästen aus farbigem Glas in die Welt setzte — die dank der modernen Möglichkeiten der industriellen Glasfertigung gar nicht mehr so fantastisch waren.

Diese Ideen begeisterten auch Bruno Taut, einen der Mitbegründer des „Neuen Bauens“: weitgehend schmucklose Architektur in schlichten geometrischen Grundformen, die wegen moderner Werkstoffe günstig und schnell reproduzierbar war. Umgesetzt hat Taut diese Ideen unter anderem in den Berliner Neubauvierteln Hufeisensiedlung und Onkel Toms Hütte, die bis heute als wichtige Zeugnisse der Berliner Baugeschichte gelten.

Tauts Faszination für den Werkstoff Glas kam 1920 in der Gründung der Künstlergruppe „Die Gläserne Kette“ zum Ausdruck, zu der auch Paul Goesch gehörte. Als ausgebildeter Architekt schuf dieser hunderte fantastische Zeichnungen, die als Vorlage für Glasarchitektur hätten dienen können. Auch Bauhaus-Gründer Walter Gropius gehörte zu dem Zirkel, der vor allem über Rundbriefe kommunizierte.

Von ihm ist das Zitat überliefert: „Träumer, Phantasten, Visionäre — das ist letzten Endes das, was wir wollen: die Utopie!“

Goesch hatte 1903 bis 1910 an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg Architektur studiert. Während dieser Zeit schuf er 1908 die Ausmalung einer Halle in Dresden-Laubegast. Sein Studium schloss er als Assessor in der öffentlichen Bauverwaltung ab und ging zunächst in den Staatsdienst im westpreußischen Culm. Zurück in Berlin schuf er eine weitere Ausmalung in Schöneberg, die jedoch nicht erhalten ist.

Aber schon bald litt Goesch unter psychischen Problemen. Er zog sich nach Göttingen zurück, wo seine Schwester Lili mit ihrem Ehemann lebte. Der Schwager arbeitete dort als Psychiater, Goesch wurde in einer Heil- und Pflegeanstalt behandelt. 1935 verlegte man ihn ins brandenburgische Teupitz.

Während seiner Therapie entstanden weitere Arbeiten. Ein Teil davon ist erhalten geblieben und wird heute in Heidelberg gezeigt. Die dortige Sammlung Prinzhorn hat sich auf Kunstwerke, die in psychiatrischen Anstalten entstanden sind, spezialisiert.

1940 wurde Paul Goesch im Zuge der nationalsozialistischen Krankenmord-Aktion in der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel vergast. Sein Lebenswerk umfasst rund 2000 Arbeiten, die in mehreren Museen in Deutschland und auch in Kanada zu sehen sind.

Die am Freitag beginnende Ausstellung in der Berlinischen Galerie vereinigt etwa 80 überwiegend noch nie gezeigte farbige Aquarelle von Paul Goesch aus der Sammlung der Galerie mit Zeichnungen und Texten Paul Scheerbarts, Bruno Tauts und weiterer Mitglieder der „Gläsernen Kette“. Zu sehen ist sie bis zum 31. Oktober.

Von Axel Büssem

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