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„Gesellschaftliches Klima ist verpestet“

Rostock „Gesellschaftliches Klima ist verpestet“

Autor Josef Haslinger über seine Arbeit als PEN-Präsident, Öffentlichkeit und Literatur

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Rostock. /Leipzig. Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger lehrt am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und war vier Jahre Präsident des PEN-Zentrum Deutschland.

Die Schriftstellervereinigung tritt ein für die Freiheit des Wortes. Auf der Jahrestagung in Dortmund wurde seine Kollegin Regula Venske als Nachfolgerin gewählt. Im Interview mit der OSTSEE-ZEITUNG zieht Haslinger (61) Bilanz und spricht über das politische Klima in Deutschland und die Rolle der Gegenwartsliteratur.

Sie haben sich nach vier Jahren als PEN-Präsident nicht wieder zur Wahl gestellt, warum?

Josef Haslinger: Vier Jahre sind eine angemessene Zeit. Man wird für zwei Jahre gewählt. Nach etwa einem Jahr weiß man, wie der Hase läuft. Man braucht eine zweite Amtsperiode, um seine Pläne zu verwirklichen. In einem Verein, der auf die aktive Beteiligung der Mitglieder setzt, sollten die Vorstandsfunktionen nicht zu lange von denselben Leuten besetzt sein.

War das eine schwere Entscheidung?

Nur insofern, als dass ich viele Mitglieder enttäuschen musste, die gerne gehabt hätten, dass ich weitermache. Ich habe meinen geplanten Rückzug schon vor einem Jahr bekanntgegeben, um dem Verein die Möglichkeit zu geben, in Ruhe mögliche Nachfolgerinnen oder Nachfolger zu suchen.

Würden Sie die Arbeit für den PEN auch als aufreibend und zermürbend bezeichnen?

Das lässt sich mit einem klaren Ja beantworten.

Welche Erfahrungen möchten Sie nicht missen?

Jede Menge. Da das deutsche PEN-Zentrum eng mit dem internationalen PEN zusammenarbeitet, habe ich einen guten Einblick in die unerfreulichen Regionen der Welt gewonnen, vor allem was die Menschenrechtslage betrifft.

Was hatten Sie sich vorgenommen?

Den inneren Zusammenhalt des Vereins zu gewährleisten, junge Mitglieder zu gewinnen und die äußere Sichtbarkeit unserer Aktivitäten zu verbessern.

Haben sich diese Erwartungen erfüllt?

Man wünscht sich immer noch mehr, aber ich denke, letztlich kann ich zufrieden sein.

Der PEN versteht sich als Stimme verfolgter und unterdrückter Autoren. Was kann so eine Organisation bewegen?

Es gibt einige Autorinnen und Autoren, bei denen wir mit Sicherheit sagen können, dass unser Engagement ihre Lage verbessert hat – die zum Beispiel vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wurden. Die einzige Macht, die uns zur Verfügung steht, ist die Öffentlichkeit. Darüber hinaus schreiben wir aber auch an Gefängnisleiter, Botschafter, Staatsanwälte, Minister und Präsidenten. Nicht zuletzt auch an unsere Politiker, wenn sie betroffene Länder besuchen, mit der Bitte, bestimmte Fälle anzusprechen. Für die verfolgten und inhaftierten Autorinnen und Autoren ist es fast lebensnotwendig zu wissen, dass es da draußen jemanden gibt, der sich um sie kümmert, auch wenn sie von ihren Regierungen aus dem Verkehr gezogen wurden.

Wo hätten Sie sich mehr Einflussnahme oder mehr Erfolg gewünscht?

Als wir Anfang 2015 eine Initiative starteten, bei der 1200 Autoren aus ganz Europa ihre Regierungen aufriefen, ein gemeinsames europäisches Asylrecht zu schaffen, das nicht durch staatlichen Egoismus geprägt ist, sondern vom Geist der Solidarität und Verantwortung, blitzten wir auch beim deutschen Innenminister ab, der damals von einer gemeinsamen europäischen Lösung nichts wissen wollte. Heute, nach dem großen Flüchtlingszuzug, sieht er das wohl anders.

Auf der jüngsten PEN-Tagung ging es auch um ein Hilfsprogramm für verfolgte Autoren, die in Deutschland mit Unterstützung des Bundes ein Aufenthaltsstipendium bekommen. Was genau können Sie für diese Autoren tun?

Mit unserem Writers-in-Exile-Programm, das es seit 17 Jahren gibt, konnten wir bislang 44 Autorinnen und Autoren, die in ihren Heimatländern in höchstem Maße gefährdet waren, Schutz bieten. Sie erhalten bis zu drei Jahre lang ein Stipendium, eine Wohnung und Sozialversicherung. Das Goetheinstitut bietet ihnen Deutschkurse an. Wir lassen Texte von ihnen übersetzen, veröffentlichen diese in Literaturzeitschriften und Anthologien, stellen Begegnungen mit dem deutschen Publikum her. Einige wenige konnten danach in ihre Heimat zurückkehren, weil sich die Lage geändert hatte, die meisten suchen politisches Asyl, was ihnen bislang auch immer gewährt wurde.

Wenn von der Verteidigung der freien Meinungsäußerung die Rede ist, denken viele an Ungarn oder die Türkei. Welche anderen Länder stehen im Fokus Ihrer Aufmerksamkeit?

Die Türkei hat sich mit ihren vielfältigen Zensurmaßnahmen und Verboten in den letzten Jahren in den Vordergrund gedrängt. Aber in Staaten wie China, Vietnam, Iran oder auch Saudi-Arabien, in denen traditionell das freie Wort wenig gilt, hat sich die Lage keineswegs gebessert.

Der Chef des österreichischen Getränkekonzerns „Red Bull“, Dietrich Mateschitz, hat in einem Interview über die in seinen Augen falsche Flüchtlingspolitik und eine „Destabilisierung Europas“

gesprochen. Wie beurteilen Sie das politische Klima in Österreich im Vergleich zu Deutschland?

Ich glaube nicht, dass es sich groß unterscheidet. Allerdings sind die Rechtsradikalen in Deutschland militanter als in Österreich. Das gesellschaftliche Klima ist aber in beiden Ländern verpestet. Flüchtlinge werden immer mehr als Feinde gesehen, die es abzuwehren gilt.

Gab es in jüngster Zeit eine Situation, in der Sie gedacht haben: Darüber müssten Sie jetzt sofort etwas schreiben!

Ja, als sich nach dem Anschlag auf den BVB-Bus herausgestellt hat, dass der Täter Menschen in die Luft sprengen wollte, um vom fallenden Aktienkurs zu profitieren. Was wie eine Einzeltat erscheint, ist letztlich bloß die individuelle Fratze einer weit verbreiteten Denkweise, die den Geschäftssinn über jede Moral stellt. Konzerne, die gefährliche Produkte auf den Markt bringen, aber die Gefahren verschweigen oder verharmlosen, tun im Grunde nichts anderes.

Beobachten Sie eine Zunahme gesellschaftspolitischer Themen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur?

Wenn die gesellschaftlichen Spannungen und Gegensätze wachsen, findet das auch in der Literatur seinen Ausdruck. Die Literatur kann die Probleme nicht lösen, aber sie kann sie uns zugänglich, erfahrbar machen. Sie schärft unsere Sinne für das Schicksal und die Handlungen anderer. Literatur kann vieles, was andere Künste nicht können, weil ihr Medium, die Sprache, in der Lage ist, den gesamten menschlichen Möglichkeitsraum auszuloten.

Welches ist Ihr nächstes literarisches Thema?

Wenn ich nicht darüber spreche, wird, frei nach Walter Benjamin, der Wunsch nach Mitteilung ein Motor der Vollendung sein.

Zur Person

Josef Haslinger, 1955 im niederösterreichischen Zwettl geboren. Der Autor lebt in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Literaturinstitut Leipzig.

1995 erschien sein Roman „Opernball“, 2000 „Das Vaterspiel“, 2006 „Zugvögel“, im Jahr 2007 „Phi Phi Island“ und 2011 „Jáchymov“. Haslinger erhielt zuletzt den Preis der Stadt Wien, den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels und den Rheingau Literaturpreis. 2010 war er Stadtschreiber in Mainz. Info: fischerverlage.de

Interview: Janina Fleischer

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