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Rostock Globale Grenzauflösung

Die Japanerin Chiharu Shiota aus Berlin setzt mit ihrer Schau „Unter der Haut“ in der Kunsthalle Rostock einen starken Kontrapunkt zur „Artigen Kunst“.

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Die Installationen von Chiharu Shiota sind Raumskulpturen, wie das Objekt Koffer mit Trompete und Zementmörtel mit dem Titel „Where to go, what to exist“ (rechts).

Rostock. Berlin 1943 – Die Kunst dient der Macht. Dem Machterhalt, der Propaganda, dem Kriegstreiben, der Förderung des eindimensionalen Weltbildes der Nazis.

OZ-Bild

Die Japanerin Chiharu Shiota aus Berlin setzt mit ihrer Schau „Unter der Haut“ in der Kunsthalle Rostock einen starken Kontrapunkt zur „Artigen Kunst“.

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Finster blickt der Wehrmachtssoldat mit der Stabgranate in der Hand über das verwüstete Schlachtfeld. „Über allem aber steht unsere Infanterie“ heißt das Gemälde von Sepp Happ, das Krieg und Soldatentum verherrlicht.

Berlin 1943 – Die Kunst, die sich nicht fügt, wird verfemt, als entartet diffamiert. Künstler, die sich nicht fügen oder nicht arisch sind, werden ausgegrenzt, eingekerkert, umgebracht, wie Felix Nussbaum (1909-1944), den die Nazis in Auschwitz ermordeten. Ein jüdischer, deutscher Künstler, der in Zeiten nationalsozialistischer Judenverfolgung Bilder malte wie „Selbstbildnis mit Judenpaß“, „Angst“ oder „Sturm“, die die Sorge um die Familie thematisieren.

Berlin 1996 – die japanische Künstlerin Chiharu Shiota, 1972 in Osaka geboren, verlässt ihre Heimat, um sich entwickeln zu können. Über die Stationen Kyoto in Japan und Canberra in Australien landet sie in Berlin. Heute sagt sie, damals vor 21 Jahren, 1996, sei sie bewusst hierher gekommen, weil diese Stadt diese globale, öffentliche, grenzenlose Plattform bot, wo sie sich, ihre Kunst und Formensprache entwickeln konnte. Sie musste gehen, die Heimat verlassen, um ihre Kunst zuzulassen: „Berlin und diese Verwandlung der Stadt, Begegnungen, Kommunikation, die Chance dort, eine eigene Nische entwickeln zu können, das alles war mir sehr wichtig.“

Rostock 2017 – Die Kunsthalle vereinigt all diese Positionen in den Ausstellungen „Artige Kunst (Kunst und Politik im Nationalsozialismus)“ und „Unter der Haut“ von Chiharu Shiota, die gestern Abend eröffnet wurde, auf zwei Etagen. Was von manchen Besuchern als ungehörige Plattform für die Ästhetik des Grauens der Nazis bewertet wird, lässt sich auch als äußerst spannende Auseinandersetzung mit Staatskunst und Gegenkunst in einer der deutschen Diktaturen im Gegensatz zu zeitgenössischen, globalen Strömungen der Kunst sehen.

Die Staatskunst damals, sie stand für Eingrenzung, Abgrenzung, Protektionismus, Größenwahn, völkischen Nationalismus und Unterdrückung. Die Gegenkunst damals stand für Widerstand und Protest. Die aktuelle Kunst steht für grenzenlose Kommunikation, globale Entwicklungen, Freiheit und Auflösung traditioneller Formen- und Bildsprache.

Etwas simplifiziert vielleicht, aber es existiert nun mal in der Menschheitsgeschichte seit der Höhlenmalerei keine Sprache oder Bildsprache als unverrückbarer Status quo. Sprache und Kunst sind nichts anderes als permanenter Wandel – so wie Gesellschaften und Menschheit selbst. Die japanische Künstlerin Chiharu Shiota steht sinnbildlich für diesen Auflösungsanspruch. In ihren Werken, die sich schier endlos zu addieren scheinen aus Zeichnungen, Fotografien, Videos, Installationen, Objekten und Raumskulpturen, geht es um Kommunikation und Erinnerung, Auflösung und Heimatsuche, Weggehen und Ankommen, das Verschwinden des Menschen in einer Masse, die Mensch, Zeit oder Erde sein kann. Das macht sie sinnfällig, in dem sie in einem Großteil ihres Werkes die eigene Biografie, die eigene Identität und den eigenen Körper ins Zentrum stellt.

In Arbeiten wie „Becoming Painting“ (1994) oder „Try And Go Home“ (1997/2017) sieht man Anklänge an Maria Abramowitsch, deren Schülerin Shiota nach dem Studium in Kyoto, Canberra, Braunschweig und Berlin war. Kunsthallendirektor Jörg-Uwe Neumann sagt: „Hier befreite sie sich von konventionellen Bildträgern, machte ihre Existenz zur Hauptprotagonistin ihrer Kunstwerke und schuf eine direkte Bildsprache zur Vermittlung ihres Ouevres.“ Der nackte eigene Körper eingewebt in weiße Tücher mit roter Farbe besprüht im provokativen Spiel mit den eigenen Landesfarben und der Blutassoziation.

Die Rostocker Schau ist eine Retrospektive mit 60 Werken. Im Rundgang im Parterre finden sich Installationen, Zeichnungen, Videos aus 20 Jahren Werkprozess bis hin zu einer Reminiszenz ihrer Arbeit für den japanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2015, den sie gestaltet hat. Shiota verarbeitet Alltagsgegenstände wie Koffer, Musikinstrumente oder Stühle in ihre Webobjekte. Im Zentrum der Schau steht im White Cube die lokale Rauminstallation „Letters Of Thanks“ mit Dankesbriefen. Dafür wurden 2800 Briefe aus Rostock, Japan und Brasilien in 26 Kilometer Wolle verwoben und bilden in dem Lichthof des Museums eine Art huldigenden Laubengang aus Buchstaben, Papier und Wolle. Dank von Menschen aus der ganzen Welt für ihre Eltern, für ihre große Liebe, für Mutter Erde, die Sonne, die Natur oder den besten Freund. Shiota sagt, diese Installationen im Raum seien für sie dreidimensionale Zeichnungen. Es gehe um Erinnerung, Abwesenheit der Menschen. „Ich habe diese Leute nie getroffen, aber ich merke, ich spüre diese Menschen.“

Jörg-Uwe Neumann hat Shiota vor fünf Jahren auf der Art Basel kennengelernt und ist neben ihrer dortigen Arbeit mit ihr ins Gespräch gekommen. Zur Installation im White Cube sagt er: „Diese Arbeit mit den einzelnen Fäden, die man betrachten kann, die aber gemeinsam eine Installation ergeben, die den Raum völlig verändert. Dazu diese eingewobenen Dankesbriefe, das finde ich sehr schön, diese luftige Installation, die nach oben offen ist.“ Briefe zu schreiben im Zeitalter von WhatsApp, Facebook, E-Mail und Twitter sei völlig außer Mode gekommen. Umso anregender sei es, dass sich schöne, amüsante, anrührende Briefe in mehreren Sprachen – Deutsch, Japanisch, Portugiesisch – finden.

Die Kunsthalle zeigt mit dieser anspruchsvollen Zusammenstellung, dass es ihr um mehr geht als Provokation und Aufmerksamkeit durch Nazi-Kunst. Vor der Ausstellung „Artige Kunst“ habe er „richtig Schiss“ gehabt, sagt der Museumschef. Jetzt freue er sich, „dass diese Kunst von Chiharu Shiota im Umfeld der artigen Kunst im Nationalsozialismus zu sehen sei.“ Ein Statement!

INFO: Chiharu Shiota „Unter der Haut“ und „Artige Kunst“ bis 18. Juni 2017

Michael Meyer

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