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Goldener Bär für „Körper und Seele“

Berlinale Goldener Bär für „Körper und Seele“

Ungarn holt nach mehr als vier Jahrzehnten wieder den Goldenen Bären. Bei der 67. Berlinale dürfen aber auch ein Österreicher und sein deutscher Regisseur jubeln. Und die Jury stärkt die Frauen in der Filmbranche.

Berlin. Es ist eine zarte Liebesgeschichte - und sie bahnt sich ausgerechnet am Rande des blutigen Gemetzels in einem Budapester Schlachthaus an.

Ildikó Enyedis Drama „Körper und Seele“ („Teströl és lélekröl“) gewann am Samstagabend den Goldenen Bären der 67. Berlinale. Nach 42 Jahren ging der Hauptpreis der Berliner Filmfestspiele damit wieder nach Ungarn.

Die Jury stärkte mit ihrer Entscheidung auch die in der Filmwelt immer noch unterrepräsentierten Frauen. Den Goldenen Bären hatte zuletzt im Jahr 2009 eine Regisseurin gewonnen. Starke Frauen waren das Thema vieler Berlinale-Filme - das spiegelte sich in der Preisvergabe.

Grund zur Freude hatte auch der Berliner Regisseur Thomas Arslan. Sein Hauptdarsteller Georg Friedrich aus dem Roadmovie „Helle Nächte“ wurde mit dem Silbernen Bären als bester Schauspieler geehrt. Der 50-jährige Österreicher Friedrich („Wild“, „Böse Zellen“) spielt in dem Vater-Sohn-Drama einen geschiedenen Vater, der wieder Nähe zu seinem 14-jährigen Sohn aufbauen will.

Friedrich kam lässig mit Basecap auf die Bühne und klebte vor der Dankesrede erstmal seinen Kaugummi auf die Tatze seines Bären. „Ich wollte den Preis dadurch nicht schmälern, ich wollte mich eher mit ihm anfreunden“, meinte der Schauspieler später.

Die Trophäe als beste Schauspielerin nahm mit Tränen in den Augen die 34-jährige Südkoreanerin Kim Min-hee entgegen. Sie spielt in „On the Beach at Night Alone“ („Bamui haebyun-eoseo honja“) von Hong Sang-soo eine erfolgreiche Filmschauspielerin, die nach einer Affäre mit ihrem verheirateten Regisseur in eine Sinnkrise gerät und sich ins Privatleben zurückzieht.

Mit den Filmen der besten Darsteller hatte sich das Berlinale-Publikum eher schwer getan. Die Liebesgeschichte „Körper und Seele“ lag in der Gunst der Zuschauer und Kritiker aber ganz vorne - ebenso wie Aki Kaurismäkis ebenfalls als großer Favorit gehandeltes Flüchtlingsdrama „Die andere Seite der Hoffnung“.

Kaurismäki bekam dann immerhin den Preis für die beste Regie. Der etwas lädiert wirkende finnische Kult-Regisseur kam allerdings nicht auf die Bühne. „Wenn der Mann nicht zum Bären kommt, kommt der Bär zum Mann“, meinte Gala-Moderatorin Anke Engelke. Die zwei anderen deutschen Wettbewerbsbeiträge neben Arslans „Helle Nächte“, Volker Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“ und Andres Veiels Dokumentation „Beuys“, gingen bei der Preisverleihung leer aus.

„Ich möchte allen Filmemachern danken, dass sie versucht haben, in diesen zehn Tagen die Welt mit Poesie zu retten“, sagte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. Gleichzeitig solidarisierte sich der Festivalchef mit dem in der Türkei in Polizeigewahrsam genommenen „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel. Er hoffe, dass Yücel bald wieder freigelassen werde, sagte Kosslick und reckte kämpferisch die Faust in die Luft.

Der Gewinnerfilm „Körper und Seele“ fesselt als emotional reiche, völlig unsentimentale Studie über zwei schüchterne, von Handicaps geplagte Menschen. Sie gehen scheu aufeinander zu, entdecken langsam ihre Gefühle und damit sich selbst. Mária (bezwingend gespielt von Alexandra Borbély) ist eine junge Frau, die sich von Ängsten und Zwängen geplagt so unauffällig wie möglich durch den Alltag navigiert. Der schon etwas ältere Endre (Géza Morcsányi) hat einen lahmen Arm und die Liebe eigentlich schon abgeschrieben.

Ungarn hatte den Gold-Bären zuletzt 1975 mit Márta Mészáros' „Die Adoption“ gewonnen. Die Entscheidung der Jury unter Vorsitz von Paul Verhoeven („Elle“, „Basic Instinct“) für „Körper und Seele“ kann auch als Bestätigung des von Kosslick ausgerufenen Berlinale-Mottos gesehen werden: „Unterhaltung mit Haltung“. Dem entspricht der Film der 61-jährigen Autorin und Regisseurin Enyedi geradezu perfekt.

Besonders die Traumsequenzen, in denen sich die Liebenden als Hirsche begegnen, bevor sie einander in der Realität finden, haben eine große Intensität. Doch bei aller Poesie verliert der Film nicht den Blick für die Realität einer korrupten und kleingeistigen Gesellschaft. „Korruption ist allgegenwärtig. Diese kleine miese Bestechlichkeit eines Polizisten, das gab es schon immer“, sagte Enyedi der Deutschen Presse-Agentur über ihr Heimatland. „Aber es geht weiter, und das macht Angst. Die Gesetze, die Regeln der Demokratie werden nicht einfach nur umgangen, sie werden zerstört. Es ist ein beängstigendes Land.“

Sehr verdient gewann der französisch-senegalesische Regisseur Alain Gomis den Großen Preis der Jury für „Félicité“. Sein im Kongo spielender Film erzählt von einer Bar-Sängerin, die verzweifelt versucht, Geld für die Operation ihres verunglückten Sohnes aufzutreiben - eine kluge Milieustudie mit einer kraftvollen Heldin.

Die polnische Altmeisterin Agnieszka Holland holte mit ihrem schrägen Öko-Feminismus-Thriller „Pokot“ den Alfred-Bauer-Preis. Die Auszeichnung wird für einen Spielfilm vergeben, der neue Perspektiven eröffnet. „Wir leben in sehr schweren Zeiten“, sagte Holland. „Wir brauchen neue Perspektiven. Wir brauchen Filme, die mutig sind und die die Themen ansprechen, die für unseren Planeten wichtig sind.“

dpa

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