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Kultur Goldener Bär für ungarisches Liebesdrama
Nachrichten Kultur Goldener Bär für ungarisches Liebesdrama
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00:05 20.02.2017

Eine zaghafte Liebe im blutigen Schlachthaus: Die Ungarin Idikó Enyedi ist mit ihrem Film „On Body and Soul“ („Körper und Seele“ die bestmögliche Bären-Siegerin, die die 67. Berlinale im Angebot hatte. In einer lärmenden, brutalen, mitleidlosen Welt finden sich zwei verlorene Seelen, die autistische Fleischkontrolleurin Maria (Alexandra Borbély) und ihr vom Leben gezeichneter Chef Endre (Géza Morcsanyl) – und zwar in dem Moment, in dem sie erkennen, dass sie synchron von Hirschen träumen. Diese komische, subtile, stille, nie parabelhafte und doch über sich selbst hinausweisende Geschichte versprühte eine Originalität, wie man sie sich häufiger in Berlin gewünscht hätte. Es ist auch ein Porträt der ungarischen Gesellschaft zwischen Profitstreben, Korruption und geistiger Enge.

Bester Schauspieler – der Österreicher Georg Friedrich bekommt den Silbernen Bären.
Beste Schauspielerin – die Südkoreanerin Kim Min-hee Quelle: Fotos: Dpa/ G. Fischer (2), B. Pedersen

Klug ist die Entscheidung der siebenköpfigen Berlinale-Jury um ihren Präsidenten Paul Verhoeven allemal: Das Gremium hätte es sich leicht machen und Aki Kaurismäki für „Die andere Seite der Hoffnung“

zum Sieger küren können. Niemand hätte Einwände gegen dessen melancholische Komödie um eine an den gesellschaftlichen Rand gedrängte Notgemeinschaft erhoben. Kaurismäki gilt seit Jahrzehnten als Spezialist für solche Beschwörungen der Nächstenliebe – aber gerade deshalb wäre diese Auszeichnung wenig überzeugend gewesen. Der Finne darf sich mit dem Regiepreis trösten.

In einem Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat Kaurismäki unterdessen seine Ankündigung schon wieder relativiert, wonach für ihn mit dem Kino endgültig Schluss sein soll. „Schon seit 35 Jahren will ich mit dem Filmemachen aufhören“, so der kauzige Kaurismäki in Berlin. Und weiter: „Wecken Sie mich bitte einfach rechtzeitig für meinen nächsten Film.“ Vielleicht dürfen seine Fans doch noch auf den dritten Teil seiner versprochenen Flüchtlings-Trilogie hoffen.

Die Ungarin Enyedi ist bereits die fünfte Frau, die den Goldenen Bären erhält (zuletzt gelang dies 2009 der Peruanerin Claudia Llosa). Zum Vergleich: In Cannes ist die Australierin Jane Campion bislang die einzige Palmen-Siegerin, und das ist ein knappes Vierteljahrhundert her. Zumindest in Berlin tut sich also etwas an der Quoten-Front. In Cineastenkreisen ist die 61-jährige Enyedi ein fester Begriff, seit sie in Cannes 1989 mit „Mein 20. Jahrhundert“ Furore machte. „Man muss ein Risiko eingehen, wenn man wirklich leben will“, so die Siegerin in Berlin.

Der Goldene Bär fügt sich wunderbar ein in ein Festival, in dem starke Frauen dominierten. Warum ausgerechnet die in „On the Beach at Night alone“ viel plappernde und viel trinkende Südkoreanerin Kim Min-hee als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, weiß allein die Jury. Es wären andere Optionen möglich gewesen.

Da war zum Beispiel die unbeirrbare „Félicité“ (Vero Tshanda Beya) im gleichnamigen kongolesischen Film, die um ihre Selbstbestimmung ringt. Für den Film von Alain Gomis gab es den Großen Jury-Preis.

Verdient hätte den Darsteller-Preis auch Daniela Vega als tapfere Transgender-Frau: Ihre Marina verteidigt das Menschenrecht auf Trauer für ihren toten Geliebten gegen dessen engstirnige Familie. Für diese „Fantastische Frau“, so der Filmtitel, gab es die Drehbuch-Auszeichnung für die Chilenen Sebastián Lelio und Gonzalo Maza.

Den Alfred-Bauer-Preis holte sich die Polin Agnieszka Holland mit ihrem subversiven Öko-Krimi „Pokot“. Den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung erhielt die Cutterin Dana Bunescu für den rumänischen Wettbewerbsbeitrag „Ana Mon Amour“ – noch eine, wenn auch bittere Liebe zwischen zwei psychisch Labilen.

Und die Deutschen? Thomas Arslans „Helle Nächte“, dieses zähe und in Berlin wenig geliebte Vater-Sohn-Drama in Norwegens Natur, brachte dem Österreicher Georg Friedrich den Darsteller-Preis ein.

Volker Schlöndorffs persönlich gefärbtes Drama „Rückkehr nach Montauk“ und Andres Veiels „Beuys“-Doku gingen dagegen leer aus. Eine mäßige Bilanz in einem insgesamt mäßigen Festival.

Stefan Stosch

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