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Kultur Grandioser musikalischer Forschergipfel
Nachrichten Kultur Grandioser musikalischer Forschergipfel
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00:00 31.08.2016
Die Hamburger Philharmoniker Björn Westlund (Flöte), Christian Seibold (Klarinette) und Olivia Comparot (Fagott) bei den Proben

Das war in jeder Hinsicht ein grandioser Abschluss: Die Aufführung der monumentalen „Turangalîla-Symphonie“ (1948) von Olivier Messiaen, mit der der „Pavillon Moderne“ der Festspiele MV in Ulrichshusen sich selbst übergipfelte. Grandios in der konzeptionellen Konsequenz, mit der das zuvor entworfene facettenreiche Bild der musikalischen Moderne mit diesem solitären Werk auf einen Punkt gebracht wurde.

„Kaleidoskop der Moderne“: Annika Schulz bereitet ein Stück mit 60 Metronomen vor. Fotos (4): Ove Arscholl
Der Hamburger Stardirigent Kent Nagano (64) leitete den Pavillon Moderne auf Schloss Ulrichshusen.
Clara Grünwald, stellvertretende Solocellistin des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, in Ulrichshusen
Der Hamburger Stardirigent Kent Nagano (64) leitete den Pavillon Moderne auf Schloss Ulrichshusen.
„Kaleidoskop der Moderne“: Annika Schulz bereitet ein Stück mit 60 Metronomen vor. Fotos (4): Ove Arscholl

Wir haben kaum Gespräche geführt, nur Partiturstudien geübt.

Er ist ein Außenseiter in der zeitgenössischen Musik, durch die Rolle der Religiosität und seine Idee, die Zeit zu gliedern.“Kent Nagano (64) über Messiaen,

in dessen Haushalt er

als sein Schüler gelebt hat.

Programmatisch grandios, wie der Verlust der üblichen Verbindlichkeiten in der Musik seit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts aufgehoben wird in einem neuen Mut zu Innerlichkeit, Spiritualität und Schönheit, in diesem Hymnus an die Freude und die Liebe – die irdische wie die überirdische und beide glühend. Grandios der apparative Aufwand: ein riesiges 95-köpfiges Orchester, allein mit 59 Streichern, eine umfängliche Schlagwerktruppe, hochvirtuose Klavierstrecken, von der Koreanerin Yejin Gil mit höchster Präzision gespielt, und die faszinierenden Klänge der Ondes Martenot (Nathalie Forget), einem frühen elektronischen Instrument, dem Theremin verwandt. Grandios nicht zuletzt die künstlerische Qualität der Aufführung durch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter seinem Chef Kent Nagano (64), zu dessen Repertoire das Werk gehört, weil es seine Hamburger Neumeier-Inszenierung als Ballett begleitet.

Grandios die Klanglichkeit, von machtvoller Opulenz bis zu verschwebender Zartheit. Grandios wie Nagano die fesselnde Spannung der zehn Sätze über 80 Minuten hielt, wie in einem unentwegten Kreisen, das nicht das Werden und Vergehen der Zeit, sondern ihr bloßes Sein sinnfällig machte. Grandios, wie er dabei durch gestalterische Delikatesse die Gefahr des grandiosen Kitsches umging.

Voraus gegangen waren drei erlebnisintensive Tage mit zehn Veranstaltungen unterschiedlicher Formate: neben reinen Konzerten von Gesprächskonzerten und musikbegleiteten Vorträgen bis zu lesungsbegleiteten musikalischen Vorträgen, wie etwa die fulminante Aufführung von Strawinskys „Sacre“ vierhändig am Klavier durch die niederländischen Pianisten Lucas und Arthur Jussen, oder zu einer öffentlichen Anspielprobe zur Messiaen-Sinfonie.

Damit realisierten die Festspiele ihren Anspruch, den sie gemeinsam mit der Körber-Stiftung mit dem Pavillon-Konzept anstreben, das musikalische Erlebnis mit Bildung zu verbinden, nicht trocken belehrend, sondern kommunikativ und unterhaltsam. „Wer mehr weiß, hört mehr“, meint Festspiel-Intendant Markus Fein.

So wurde den Beziehungen zwischen der modernen Musik und anderen Künsten nachgegangen, etwa denen zur Malerei mit einer Beleuchtung des Briefwechsels zwischen Schönberg und Kandinsky, denen zur Literatur mit einer virtuosen Vorführung des Lautgedichtes „Ursonate“ des Dadaisten Kurt Schwitters durch die Stimmperfomerin Frauke Aulbert, oder zum frühen avantgardistischen Film. Damit wurde ein Bild der musikalischen Moderne gezeichnet, nicht streng systematisch, sondern eher splittrig, in dem ihre ungeheure Vielfalt, ihr Reichtum an eigenständigen Tonsprachen und Stilistiken, auch ihre Kuriositäten sich entfalteten. Ein zweiter Höhepunkt dabei das „Kaleidoskop der Moderne“ mit einer Kammerorchester-Abordnung der Hamburger Staatsphilharmoniker unter Nagano, mit Ligeti, Hindemith, Strawinsky, Debussy und Varese, mit einer eindrucksvoll und strukturbewusst gestalteten Kammersinfonie Nr. 1 von Schönberg. Oder das Konzert des jungen vision string quartet, mitreißende Musikanten, mit einer enormen Vehemenz in Spielweise und Ausdruck, mit einem erschütternden Schostakowitsch-Streichquartett und parodierenden Stücken für Streichquartett von Schulhoff.

Heinz-Jürgen Staszak

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