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Kultur „Grimmen – wie geil seid ihr denn?“
Nachrichten Kultur „Grimmen – wie geil seid ihr denn?“
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18:27 10.03.2019
Hoch die Hände - Wochenende! Schlagerparty im Grimmener „Treffpunkt Europas“ mit 1000 Besuchern bis in die frühen Morgenstunden. FOTOS (9): RAIK MIELKE
Grimmen

Um 22 Uhr ist der Saal auf Betriebstemperatur. Eine Stunde später steppt der Bär in Grimmen. Hände hoch und Discofox, Eins, zwei, Tipp und Schalalalalala lala bis drei Uhr. Die Schlagerpartys im Grimmener KulturhausTreffpunkt Europas“ sind Kult über die Stadtgrenzen hinaus. Zu diesen Events kommen so um die 1000 Leute aus Grimmen, Stralsund, Greifswald, Neubrandenburg oder von der Insel Rügen.

„Waaaaaaahnsinn, warum schickst du mich in die . . .“

Am Samstag lockte Schlagerradio B2 zur zweiten Schlagernacht 1000 Leute nach „Europa“. Hier trifft die Oma ihre Enkelin, Backfische tanzen zum Pur-Potpourri, verliebte ältere Pärchen schauen sich auf der Tanzfläche tief in die Augen, andere zeigen, dass der Salsakurs ein Erfolg war. Hier sind Singles auf der Pirsch und auch hüftsteife Kerle dürfen auf der Tanzfläche die Hände in die Höhe schmeißen, wenn DJ Mick Weiser ins Plenum schreit: „Waaaaaaahnsinn, warum schickst du mich in die . . .“ Hölle! Hölle! Hölle!.

„Ohne dich geh ich heut Nacht nicht heim. . .“

Der Discofox ist so ’ne Art musische Allzweckwaffe. Der Tanz, den man als rhythmische Dauerschleife mit eins, zwei Tipp und mäßigem Rhythmusgefühl ebenso interpretieren kann wie als Kampfsport oder Aerobicersatz. Das geht einsam ohne Frau mit einer Hand Richtung Decke oder verliebt und sportlich mit der Liebsten. Aber: Das ganze Event kommt nicht als Massenbesäufnis im Atemlos-durch-die-Kleinstadtnacht-Look-and-Feel rüber. Hier treffen sich Pärchen, Familien, Ehepaare, Singles, Freunde – und feiern. Gute Laune an jeder Ecke und jeder kennt jeden.

„Hölle! Hölle! Hölle!“

Happy Hour ab 19 Uhr mit Musik aus der Konserve und den launigen DJs Mick Weiser von Radio B2 und Thorsten Erdmann, sonst Sprecher der Stadt Grimmen, aufgewärmt. Ab 21 Uhr übernimmt das erste Sternchen aus dem Schlagerhimmel das Zepter. Bei B2 war das Linda Hesse aus Berlin, kleines Partywunder und einigen Männern aus dem Playboy vertraut, mit Coversongs und eigenen Hits wie „Mach ma laut!“ oder „Komm bitte nicht!“. Die 31-Jährige, Finalistin von Star-Search bei SAT1, begrüßt den Saal mit „Hallo Grimmen!“ Echo prompt: „Hallo Linda!“. Ab 23 Uhr reißt der Hauptact die Stimmung an sich. Thorsten Erdmann begrüßt Jay Kahn mit: „Mädels, ihr wartet noch auf jemanden. Ich kann euch verstehen.“

„Ich lieb’ mich bei dir, ich lieb mich an dir, ich lieb mich in dir fest.“

Stimmt! Grübchengrinsen zum Niederlegen, Traumbody aus der Muckibude, schicke Fönfrisur, cooler Dreitagebart und aus dem offenen Kragen des Slimfit-Hemdes lugt ein Tattoo auf dem Musculus pectoralis major hervor, der seinen Namen zurecht trägt. Lässig, Macho, lieb und hübsch und singen kann er auch noch. Ein Typ, den man gern mit nach Hause nimmt und sei es nur als Liedzeile. Der Brite ist Einser-Abiturient, lebte in Berlin, studierte in London Journalismus, war mit dem Model Lena Gehrke liiert (die dann dem Ruf von Sami Khedira folgte und nun mit Boateng flirtet), ist seit Jahren als Musiktexter – für die Boygroup Overground – erfolgreich, und den meisten Besuchern als Sänger der Boyband US5 bekannt. Nun ja, Dschungelcamp und Promiboxen auf Pro7 gehören ja zu einer guten Sternchen-Schulbildung.

Die besten Bilder der radioB2-Party im Grimmener Stadtkulturhaus „Treffpunkt Europas“.

„Fiesta, Fiesta Mexicana . . .“

Der behüpft die Bühne und hat den Saal im Griff. Bumms! Mit Songs wie „Ich bin dein Bodyguard“ oder „Wie geil ist das denn?“ Da kommt der Spruch super: „Grimmen – wie geil seid ihr denn?“ Der passt vom Versmaß zwar auf fast jede Stadt außer Castrop-Rauxel oder Saarbrücken – aber egal. Jay Khan das ist gute Laune mit Musik und Sixpack.

„Hör gut zu, du bist mein Glück . . .“

Ein Konzept, das seit Jahren aufgeht in der Vorpommerschen Provinz. Die Macher vom KulturhausTreffpunkt Europa“ sind stolz, dass sie mit ihrer Bude den Oberzentren Stralsund und Greifswald den Rang ablaufen. Es sei ihnen gegönnt. Die 10 000-Einwohner-Stadt musste seit der Wende so viel Spott über sich ergehen lassen. Wenn irgendwo was nicht stimmte, dann in Grimmen. Wenn große Magazine oder Sender mal wieder eine Story über Abwanderung, Arbeitslosigkeit, Rechtsradikalismus oder Perspektivlosigkeit brauchte, schickten sie ihre Teams nach Grimmen. Und da galt: Bloß nicht über irgend etwas Positives wie Stockcar berichten. So was tanzen die Leute im Kulturhaus heute weg. Erdmann sagt: „Grimmen ist schon immer eine Schlagerstadt gewesen. Grimmen singt und lacht. Die Stadt ist halt musikalisch.“ Nachwuchsprobleme würden weder städtischer Chor noch Blasorchester kennen. In fast jeder Familie sei einer, der in einem dieser Ensembles mitgewirkt hat.

„Ich fühle immer nochwie damals, du Idiot . . .“

Das Kulturhaus gibt es seit 1969. Nach der Wende wurde es mit EU-Mitteln wieder auf Vordermann gebracht. Spötter sagen in Grimmen, neben der A20 das Sinnvollste, das die EU bisher gefördert hat. Und seit dem Wiederaufbau funzt das auch und singt und lacht und tanzt in der Heinrich-Heine-Straße. Seitdem sind dort Heinz Rudolf Kunze, Andrea Berg, Roland Kaiser, Costa Cordalis, Andy Borg, Jürgen Drews, City, Karat, G.G. Anderson oder Pussycat (die mit der Zahnlücke) aufgetreten. Es gab Tributes für Queen oder Santana. Am 30. März folgt die Abba-Party. Schlagerradio B2 hat auch eine eigene Frequenz für Grimmen und plant nach der ersten Schlagernacht 2018 mit den DSDS-Sternchen Annemarie Eilfeld und Norman Langen die dritte Party für 2020. Rund 100 Events veranstaltet das Haus pro Jahr, davon 80 im großen Saal. Lesungen, Vorträge, Konzerte, Abifeiern, Einschulungen, Fest des Jugendblasorchesters, Grimmen rockt, Weihnachtstanz, Party der Stockcarfahrer, Schlagerpartys. In Grimmen kann irgendwas nicht stimmen. Wie sonst wäre dort andauernd Party atmosphärisch irgendwo zwischen einem Helene Fischer-Konzert, einem Abiball und ’ner Dorfdisco. Und: verdammt gut.

Events im „Europa“

16. 3.: Frühlinskonzert Jugendblasorchester; 30. 3.: Abba – Tribute Concert; 6. 4.: Tanzparty; 13. 4.: Schautanzgala; 27. 4.: Maibaumfest; 22. 6: Breitentanzsportfest; 28. 9.: Travestieshow; 5. 10.: Bier & Schlachtefest; 12. 10.: Bandnacht „Grimmen rockt“; 19. 10.: Schlager Hitparade mit Ireen Sheer, Michael Hirte u.a.

Michael Meyer

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