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Kultur Große Lüge – Riesengaudi
Nachrichten Kultur Große Lüge – Riesengaudi
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00:00 26.11.2016

. Es ist eines der ungewöhnlichsten Märchen der Literaturgeschichte, das das Rostocker Volkstheater in diesem Jahr als Weihnachtsstück aufführt. „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen (1805-1875). Der Ursprung des Stoffs ist jedoch nicht in Kopenhagen, sondern einer Erzählung nach am mittelalterlichen spanischen Hofe zu suchen.

Ungewöhnlich, denn es kommt völlig ohne Action, Entführungen, Ritter, Riesen, Wölfe, Hexen und Verwünschungen aus. Und fesselt doch – auch TV-tempoverwöhnte Kinder.

Es ist eine Kinderkomödie als Kammerspiel um Eitelkeiten und Unsicherheiten – die Bühne (Maria Frenzel) der Logik folgend als Ankleidezimmer gestaltet. Eine Spiegelfechterei, die streng dem Motto folgt: Je größer die Lüge, umso glaubhafter ist sie. Und ebenso zeitlos ankommt. Denn der große Trick am kleinen Menschen funktioniert ja immer noch – wenn auch aktuell über Twitter, TV, Facebook, wie man am Blick über den Großen Teich sieht. In Andersens Stück ist es schlicht der Ausspruch der Gaukler Andreas und Matthias, dass nur, wer seines Amtes nicht würdig und dumm sei, die neuen Kleider nicht sehen könne. Die Lüge, sie ist schneller rum, als Matthias sie ausspricht. Und aus Angst um Stand, Karriere, Geld und Ruf schweigen alle im staunenden Ahhh und Ohhh, als der Kaiser in den neuen italienischen Kleidern zur Parade ausfährt. Doch in Wahrheit ist er völlig nackt. Denn in Wahrheit sind Andreas und Matthias nur Auf-Schneider, die sich einmal recht vollfressen wollen. Vom wahren Schneidern haben sie so wenig Ahnung wie der Kaiser von der traurigen Gestalt vom Regieren.

Und diese Wahrheit kann nur ein unschuldiges Kind aussprechen, das um seinen Rang nicht fürchtet: „Der Kaiser! Der Kaiser! Der Kaiser! Der ist nackt!“ Erkenntnis erwächst aus Unschuld. Das Märchen in der Inszenierung von Jürgen Eick ist grundsolide erzählt, ohne großen Schnick und Schnack. Die Kinder in der voll besetzten Premiere am Donnerstag werden trotzdem recht nett mit auf die Reise genommen. „Da hast du Pech gehabt“, ruft ein Junge, als der Kaiser nichts zum Anziehen hat. Und als die unsichtbaren Kleider auf den Boden fallen, springen alle neugierig auf. Das Stück funktioniert über die Darstellerleistungen guter alter Schauspielschule. Allen voran Ulf Perthel als strunzendummer Kaiser („Och nö, schon wieder ohne Anklopfen!“), der seinen gesamten Hofstaat für „Versager“

hält, ohne zu merken, dass er der Chefversager ist. Zu Höchstform laufen Till Demuth (Matthias) und Ulrich K. Müller (Andreas) als wandernde Schauspieler auf.

Schön, dass Müller seine sportlichen Wurzeln nicht verliert. Übers Turnen kam er mal an die Bühne und dort legt er auch mit 50plus noch einen 1a-Handstand aufs Parkett und schlägt ein blitzsauberes Rad. Eine kompakte Ensembleleistung mit Friederike Drews und Juschka Spitzer als buckelnde, missgünstige Minister und einer wuselnden Cornelia Wöß als Prinzessin. Im Publikum großes Gebrüll im Finale, als Perthel aufläuft in einem hautengen, hautfarbenen Ganzkörperjumpsuit, nicht geschlechterlos à la Barbie und Ken, sondern mit angenähtem Minischniedel – der im Vorfeld hinter der Bühne gewiss ebenso für Diskussionen gesorgt haben wird wie nach der Premiere unter Erziehungsberechtigten. Die Miniatur des Genitals ist wohl weniger Rücksicht auf kindliche Unschuld, als dem Spardiktat geschuldet. Und so darf natürlich die Folklore gewordene Selbstreflexion des gebeutelten Hauses nicht fehlen, wenn der Kaiser am Ende ruft: „Jetzt haben wir endlich ein schönes Theater. Mit ganz vielen Schauspielern.“

Michael Meyer

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