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Günter Grass und seine 1000 Seiten

Lübeck Günter Grass und seine 1000 Seiten

Er polarisierte wie kaum ein anderer. Der Literaturexperte Uwe Neumann will Günter Grass einmal anders vorstellen. Unter dem Titel „Alles gesagt?“ kommen in seiner „vielstimmigen Chronik“ auch Menschen zu Wort, von denen man nicht wusste, dass sie sich mit Grass beschäftigt haben.

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Literaturnobelpreisträger Günter Grass.

Quelle: Foto: Markus Scholz/dpa

Lübeck. „Günter Grass: Erster Eindruck: Mütter, hütet eure Töchter!“, meinte der Schriftsteller Gerhard Zwerenz 1961. „Martialische Unterlippe, martialischer Schnauzer. Dies, die Präferenz der Unterlippe und das schwarze Gewächs auf der oberen Lippe, versieht den Bestseller mit dem Hintergrund eines physiognomischen Geheimnisses.“

 

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„Günter Grass sollte sich mal Schlips und Kragen zulegen, er würde jünger wirken.Karl Lagerfeld 2010, Modemacher

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„ Das ist ganz ekelhafte Altmännerliteratur, die wir da jetzt haben: Grass, Walser – diese eitlen alten Männer, die den Mund nicht halten können. Elke Heidenreich 2007, Literaturkritikerin

Nicht nur sein Werk und seine politischen Äußerungen, auch sein Äußeres war Gegenstand kontroverser Haltungen. „Die meisten Schnurrbartträger in Deutschland sind entweder türkische Imbissbudenbesitzer oder freakige Schaffner oder Günter Grass“, schrieb Wladimir Kaminer in seinem Buch „Es gab keinen Sex im Sozialismus“ (2009).

Warum ist Günter Grass (1927-2015) so viel Feindseligkeit entgegengeschlagen? Dass Franz-Josef Strauß ätzte „Der hält alle Bayern mehr oder weniger für Analphabeten, dieser auf dem Pegasus dahertreibende deutsche Oberdichter“, verwundert nicht. Angriffe aber gab es ja nicht nur von rechts. In seinem Vorwort stellt der Herausgeber fest, die Literaturkritik sei in anderen Ländern nicht so schneidend und erbarmungslos wie in Deutschland. Und: Grass-Kritik sei hierzulande zum Ritual erstarrt.

Das Anliegen des Buches ist es, „dem häufig sehr eindimensionalen Bild ein komplexeres, facettenreicheres entgegenzusetzen“. Jahrelang hat Neumann in verschiedenen Grass-Archiven recherchiert.

Kernstück des Buches sind rund 380 bisher unveröffentlichte Briefe. Nicht immer sind es Personen, die zu Wort kommen. Auch die Zeitschrift „Emma“ wird zitiert, die Grass 1977 zum Pascha des Monats ernannte. In Zusammenhang mit dem gerade erschienenen Roman „Der Butt“ heißt es über den Autor: „Er pirscht sich ran. An die Frauenfrage. Günter Grass, als Pascha kein Neuling. Zur Zeit seiner ,Blechtrommel’ saß er den Frauen noch unter den Röcken. Jetzt kriecht er uns auf den Schoß.“ Fazit: „Hättest du abgelassen von den Frauen, du wärst (vielleicht) ein Dichter geblieben. So aber reicht’s nur zum modischen Softy mit Schnauzbart.“

Trude Unruh, Vorsitzende der Senioren-Bewegung „Graue Panther“, äußerte sich 1986 beunruhigt über die Ankündigung des Schriftstellers, Europa für längere Zeit den Rücken kehren zu wollen, „ausgerechnet jetzt, wo die Weichen für Verderben oder Überleben gestellt werden“.

Aus der Sammlung Neumanns ist ein dicker Schinken geworden. Fast 1000 Seiten lang und so schwer, dass man das Buch beim Lesen kaum in der Hand halten kann. Der kurzweilige Band lädt dazu ein, in „Fundsachen“ zu stöbern, die – chronologisch geordnet – sich mit dem Menschen Günter Grass, seinem literarischen Werk und seinem Selbstverständnis als Bürger sowie seinem politischen Standpunkt befassen. Thema vier sind Anekdoten und Amüsantes. Letzterem Themengebiet ordnet Neumann die 20 Karikaturen und Porträtskizzen zu. Lob und Kritik sind nicht immer klar zu unterscheiden. „Ich finde den klasse. Wie diese alten Männer – da gehört ja auch Walser dazu und früher Ernst Jünger – stur bis zum Schluss ihre Haltungen verteidigen, das hat doch was“, schreibt Christoph Schlingensief 2010.

Als Günter Grass 2012 seinen 85. Geburtstag feierte, gratulierte auch der damalige Papst Benedikt XVI.. Er wünschte ihm „die Fülle der göttlichen Gnaden“. Viele freundliche Worte gab es auch zur Verleihung des Literaturnobelpreises 1999. Heinz Rudolf Kunze meinte dazu aber später, die Auszeichnung für Grass sei „wie ein Grammy für Semino Rossi“.

Günter Grass selbst hat das eine oder andere zu dem Buch beigetragen. Er habe ihm Einblicke in seine Korrespondenz gegeben und seine Fragen in ausführlichen Gesprächen beantwortet, schreibt Neumann.

„Dabei konnte auch ich es erleben: Er war ganz anders.“

„Alles gesagt?“. Eine vielstimmige Chronik zu Leben und Werk von Günter Grass. Herausgegeben von Uwe Neumann. 992 Seiten. 45 Euro

Von Liliane Jolitz

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