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Gurlitt – drei Karrieren

München Gurlitt – drei Karrieren

Detailreich und sehr verständnisvoll: das Buch „Hitlers Kunsthändler“ von Meike Hoffmann und Nicola Kuhn

München. „Beckmann stark & interessant, mit exzellentem Farbsinn – einige bewundernswerte Meeresbilder und eine bergige Waldstraße.“ Diese Worte notiert Samuel Beckett in seinem Tagebuch – und das nach dem Besuch einer Galerie in Hamburg Ende November 1936. Erstaunlich, zu diesem Zeitpunkt ist der Maler Max Beckmann schon verfemt, ein halbes Jahr später, vor dem Start der Schmäh-Ausstellung „Entartete Kunst“, wird er Deutschland verlassen. Doch in der Alten Rabenstraße im Bezirk Rotherbaum wird er ausgestellt – hinter einer unscheinbaren Tür, auf der ein Messingschild mit der Aufschrift „Kunstkabinett H. Gurlitt“ prangt.

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Detailreich und sehr verständnisvoll: das Buch „Hitlers Kunsthändler“ von Meike Hoffmann und Nicola Kuhn

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Gurlitt, dieser Name war bis 2012 allenfalls Kunsthistorikern geläufig – bis zum Münchner Kunstfund: 1280 Kunstwerke im Wert von 50 Millionen Euro hatte Cornelius Gurlitt in einer Schwabinger Wohnung gehortet. Das war der Kunstschatz seines Vaters Hildebrand Gurlitt (1895-1956), der schillerndsten unter allen Figuren, die mit Naziraubkunst zu tun hatten. Schnell war 2012 von „Raubkunst“ die Rede, doch die Wirklichkeit ist komplizierter.

Bislang wurde nur für vier Kunstwerke ein „verfolgungsbedingter Entzug“ festgestellt, und bislang wurde Hildebrand Gurlitt vor allem als Verwerter jener „entarteten“ Werke gesehen, die nach der Propaganda-Ausstellung ins Ausland verkauft werden sollten, um die deutsche Kriegskasse zu füllen.

Tatsächlich war er Anhänger der verfemten Moderne. Er war mit linken Künstlern und Aktivisten befreundet und doch Nazihelfer, war mal Opportunist, mal fast ein Widerständler. Und hat damit drei Karrieren in drei politischen Systemen erlebt – als Museumschef in der Weimarer Republik, als Kunsthändler in der Nazizeit und als Kunstvereinschef in der Bundesrepublik.

Das haben die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann und die Kunstkritikerin Nicola Kuhn in ihrem Gurlitt-Buch über „Hitlers Kunsthändler“ herausgearbeitet. Erstmals erscheint ein ganzes Buch über diese Persönlichkeit.

Hildebrand Gurlitt stammt aus wohlhabenden bildungsbürgerlichem Milieu: Der Vater war in Dresden Kunstgeschichtsprofessor, ein Bruder Musikwissenschaftler, Cousins waren Kunsthändler und Komponisten.

Seine Schwester Cornelia malt in expressionistischem Stil – und nimmt sich 1919 das Leben.

Gurlitt präsentiert als Direktor des Zwickauer Museums Pechstein und Nolde, Dix und Schmidt-Rottluff, also Repräsentanten der von den Nazis als „undeutsch“ diffamierten Moderne. Das kostet ihn 1930 den Job, doch schon ein Jahr später findet er als Direktor des Hamburger Kunstvereins dort ein liberaleres, weltoffenes Klima und Kunstverständnis. Seine zweite Karriere beginnt, als er im Jahr 1933 auch diesen Job verliert, unter anderem weil er am 1. Mai 1933 den Kunstverein nicht mit Hakenkreuzfahne beflaggen lässt. Diese demonstrative Abgrenzung sei Hildebrand Gurlitt zum Verhängnis geworden, urteilt das Autorenduo. Doch verhängnisvoller als sein Hang zur Moderne war aus Gurlitts Sicht, dass seine Großmutter Jüdin, er selbst nach Nazi-Logik „Vierteljude“ war.

Es ist atemberaubend nachzulesen, wie kühn er angesichts fortdauernder Verschärfung der „Rassegesetze“ alles daran setzt, für die Nazis unverzichtbar zu werden.

Nach der Ausstellung „Entartete Kunst“ geht er vollends in die Offensive – und dient sich als Kunstverwerter an. Gurlitt ist einer von nur vier Kunsthändlern, die die „entarteten“ Werke vermarkten, er handelt als Einziger auf eigene Rechnung und häuft Reichtümer an. Dabei folgt er keineswegs brav der Nazidoktrin, nur ins Ausland zu verkaufen, auf dass die germanische Seele nicht mit modernen Werken verstört werde. Vielmehr versorgt er Freunde der Moderne, wie den Tabakhersteller Hermann Reemtsma und den Schokoladenfabrikanten Bernhard Sprengel, mit Kunstwerken. Als alles „Entartete“

verkauft ist, wechselt Gurlitt in die Rolle des Kunstaufkäufers im besetzten Belgien und Frankreich. Danach wird er Chef-Einkäufer für das in Linz geplante „Führermuseum“.

Private Käufe und solche im staatlichen Auftrag hält er nicht getrennt – und wird während des Krieges zum reichen Mann. Nach Kriegsende führt er seine jüdische Großmutter als Argument dafür ins Feld, dass er sich arrangieren musste, geriert sich gegenüber der US-Raubkunst-Taskforce als Retter verfemter Kunstwerke und als Helfer verfolgter Künstler und wird, nach kurzer „Entnazifizierung“, Direktor des Kunstvereins Düsseldorf.

All das schildern die Autorinnen detailreich, aber auch reichlich verständnisvoll. Dem Kunsthändler werfen sie vor, nach 1945 nicht Rechenschaft abgelegt zu haben, ansonsten teilen sie seine Sicht, dass er sich nur so, wie er es eben getan hat, durch die Nazizeit lavieren konnte. Etwas mehr wissenschaftliche Distanz hätte man sich gewünscht.

Einen Beleg fürs gute Handeln des dreifachen Karrieristen gibt es übrigens: Er hat den von ihm geschätzten Beckmann (1884-1950), der in Amsterdam im Exil lebte, durch Verkäufe seiner Bilder uneigennützig unterstützt.

Buch über den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt

Buchtipp: Meike Hoffmann, Nicola Kuhn: „Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895-1956. Die Biografie“. Verlag C. H. Beck. , 24,95 Euro Kunsthistorikerin Meike Hoffmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der im Jahr 2003 gegründeten Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität. Sie konzipierte den Studiengang Provenienzforschung. Nach dem sogenannten Schwabinger Kunstfund 2012 wurde sie mit der Provenienz-Recherche beauftragt.

Daniel Alexander Schacht

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