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Rostock Gysi und die Welt

Linken-Politiker Gregor Gysi stellte seine Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ vor

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Mal ernst, mal unterhaltsam – das Publikum im ausverkauften OZ-Medienhaus hatte sein Vergnügen mit Gregor Gysi.

Rostock. „Wir Alten sind verpflichtet, für die Jugend Europa zu retten“, sagt Gregor Gysi, oder: „Die EU kriegt von mir nur Ohrfeigen, aber trotzdem müssen wir sie retten.“ Weil nämlich die alten Nationalstaaten heute chancenlos seien gegen die USA oder China und weil die Wirtschaft längst europäisch strukturiert sei. Und was den Euro betrifft: Er habe damals, sagt Gysi, als Einziger im Bundestag eine Rede gegen dessen Einführung gehalten, weil er die erst nach politischen, wirtschaftlichen und sozialen Angleichungsprozessen zwischen den Ländern sinnvoll fand: „als Höhepunkt der Entwicklung“. „Aber“, argumentiert Gysi jetzt gegen den Ausstieg, „wenn du A gesagt hast, kannst du später nicht auf Null zurück.“

OZ-Bild

Linken-Politiker Gregor Gysi stellte seine Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ vor

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Ein Buch – „sechs Leben“

Erinnerungen hat Gregor Gysi bereits in mehreren Büchern verarbeitet. Jetzt aber ist „Die Autobiographie“, so der Untertitel seines Buches, „Ein Leben ist zu wenig“ erschienen (Oktober) – im Aufbau Verlag als Hardcover mit 583 Seiten für 24 Euro und als Audio-CD für 19,99 Euro.

Das alles und viel mehr handelte der prominente Linken-Politiker am Montagabend im ausverkauften Rostocker Medienhaus der OSTSEE-ZEITUNG vor rund 200 Besuchern gleich mit ab, als er die drei aktuellen Streitpunkte innerhalb seiner Partei erörterte: die Frage des bedingungslosen Grundeinkommens (gegen das er sei); Verbleib im oder Ausstieg aus dem Euro; und die künftige Gestaltung der europäischen Strukturen.

Eigentlich sollte es um ein Buch gehen. Aber natürlich wird das keine Lesung, wenn Gysi kommt, um seine eben im Aufbau Verlag erschienene Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ vorzustellen. Gelesen wurde nur ein einziges Mal: OZ-Chefredakteur Andreas Ebel, der als Moderator durch den Abend begleitete, musste zum Schluss, um sein Exemplar signiert zu bekommen, den Prolog des Buches vorlesen. Ist nur ein Satz: „Ich habe schon als Kind gelernt, dass man Sätze nicht mit ,ich’ beginnen soll.“ Den Epilog hatte Gysi schon vorher zitiert: „Ich bin wild entschlossen, das Alter zu genießen.“

Ansonsten war der Abend eine lebhafte Plauderei über Gysi und die Welt. Privat und politisch ging es zu, mal weltgeschichtlich ernst, dann wieder pointiert, teils atemberaubend durch die Themen springend. Wie man ihn eben kennt: Gregor Gysi, Gallionsfigur der Linken, redegewandter Anwalt, Bundestagsabgeordneter, mit 69 Jahren dynamisch wie stets. Und beliebt, weil er wie nur wenige Politiker in klarer Sprache über komplizierteste Dinge spricht.

Freilich, das mit der klaren Sprache behaupten auch AfD-Wähler von ihren Favoriten; der große Unterschied ist, dass bei den Rechten ein radikal und rüpelhaft vereinfachtes Schwarz-Weiß-Feindbild der Sündenböcke als Weltbild verkauft wird, wogegen bei Gysi zwar die Sprache klar, aber die Welt trotzdem kompliziert ist – nur eben genauer zu verstehen.

Virtuos redet sich der Präsident der Europäischen Linken durch den Abend, routiniert spielt er sein Repertoire aus. Nutzt transparent eine geschickte Rhetorik der strukturierten Listen, in denen die ganze Welt geordnet scheint. In diesem Listen-Universum springt Gysi locker von einem Thema zum anderen und zurück, knüpft Zusammenhänge, fünf Gründe hierfür, sechs Probleme dort. Vier gute Gründe für Europa, drei Streitpunkte in der Linken, vier Gründe, warum die Ostdeutschen benachteiligt sind. Oder beispielsweise drei Vorzüge und zwei Nachteile Angela Merkels: unter den Vorzügen ihr zufälliges Lächeln („Das muss man können!“), die für eine Kanzlerin erstaunliche Bescheidenheit und dass sie materiell nicht interessiert sei; die Nachteile, dass sie keine Vision für Europa habe und sich aufs Verwalten beschränke. Von dort ist Gysi schnell beim Phänomen Trump als Abwahl des politischen Establishments (Gysi: „Ich will keinen Trump in Deutschland.“) und beim Appell an die Politik:

„Wir müssen uns öffnen in die Gesellschaft hinein“. Und zwar zuerst mit klarer Sprache, was zu Gysis Lieblingsbeispiel für Unverständlichkeit (und Lobbypolitik) führt:

„Veräußerungsgewinnerlössteuer“.

Oder auch Gysis bisherige „sechs Leben“, davon zwei in der Bundesrepublik: das fünfte, in dem er als „Der Drahtzieher“ (FAZ) „zum Abschuss freigegeben“ gewesen sei und jenes aktuelle sechste, in dem er Anerkennung genießt. Auch davon sprach Gysi an diesem Abend ausführlich: erstaunliche Vorfahren, Kindheitserinnerungen auf Hiddensee und in Ahrenshoop, sein Traum einer Menschheit ohne Kriege und Armut und mit vollständiger Gleichberechtigung der Geschlechter. Ein Leben ist zu viel für einen Abend, dafür gibt es ja die Autobiografie, die am Ende reichlich gekauft und signiert wurde.

Dietrich Pätzold

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