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Hafenfestival, ahoi! Faszination des Bösen

Greifswald Hafenfestival, ahoi! Faszination des Bösen

Gelungene Eröffnung des Theater-Open-Airs in Greifswald mit Musical „Jekyll & Hyde“

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Verkörperte „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“: Musicaldarsteller Chris Murray.

Quelle: Theater Vorpommern

Greifswald. Wie es an ihm zerrt! Wie er sich windet, sträubt, verzweifelt seine wüst herabhängenden Haare rauft! Im Kampf mit der dämonischen Dualität seines Selbst, den zwei Seelen in seiner Brust, hat sich der Besessene das Hemd aufgerissen – seine Brust ist entblößt, als Symbol für das ursprünglich animalisch Wilde: „Du wirst für immer das Tier in dir haben, das jeden Tag deine Seele frisst“. Absolut mitreißend spielte Musicalstar Chris Murray den „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ am vergangenen Samstagabend zum Auftakt des Open Airs „Ahoi – Mein Hafenfestival“.

Für die Premiere des Singspiels „Jekyll & Hyde“ erhielten Theater, Sänger und Schauspieler Standing Ovations – die knapp 400 Zuschauer waren zu recht begeistert. Ganze drei Stunden dauerte das Musical in zwei Akten nach der Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ vom schottischen Autor Robert Louis Stevenson aus dem Jahre 1886.

Horst Kupich hat das Stück mit Buch und Liedtexten von Leslie Bricusse sowie Musik von Frank Wildhorn inszeniert. Keine zu unterschätzende Aufgabe, wie er betonte: „Da wir in Greifswald bereits um 19 Uhr mit der Aufführung beginnen müssen, war es schwierig, die richtigen Lichtverhältnisse zu schaffen.“ In der Tat fiel es anfangs nicht leicht, sich bei Tageslicht in die schaurige Mystik der Geschichte reinzudenken: Der Arzt und Wissenschaftler Dr. Henry Jekyll will, um seinem psychisch kranken Vater zu helfen, herausfinden, in welchem Verhältnis Gut und Böse zueinander stehen. In einem Selbstversuch gelingt es ihm, mit Hilfe eines Medikaments das Böse zu extrahieren und er verwandelt sich in Mr. Hyde, der an Unberechenbarkeit und Grausamkeit nicht zu überbieten ist. Er ermordet fünf Menschen kaltblütig – eigentlich nur aus dem Grund, das moralisch Böse aus unserer Gesellschaft zu verbannen. Doch am Ende verliert er jede Kontrolle über sich selbst, vergewaltigt und ermordet seine Geliebte, dann die Prostituierte Lucy, und bringt schließlich auch sich selbst um.

Christopher Melching schuf mit historischen Kostümen aus dem 19. Jahrhundert, maskenähnlich geschminkten Gesichtern und einem einfachen Bühnenbild, das mit wenig Requisiten wie ein paar Möbelstücken und Laborutensilien auskam, die perfekte Atmosphäre. Jeweils auftauchende grüne Krallenhände als Symbol für das hinter der Fassade lauernde Abgründige. Der Opernchor des Theater Vorpommerns trat als Einwohner Londons auf – niemand konnte ahnen, was sich unter den schwarzen Mänteln und Hüten der Sänger verbarg. „Das Erscheinungsbild unserer Gesellschaft ist verlogen. Diese Feststellung ist zeitlos“, erklärte Kupich. Das Philharmonische Orchester Vorpommern unterstrich musikalisch das Ambiente.

Murray, einer der profiliertesten Musicaldarsteller Deutschlands, gab der Figur des Jekyll/Hyde eine so glaubhafte Erscheinung, sang so stimmgewaltige Balladen, dass er das Publikum ganz in seinen Bann zog. „Ich fake nicht, wenn ich spiele. Die Menschen verdienen es, dass ich ihnen mit Ehrlichkeit und Menschlichkeit begegne“, sagte der Schauspieler. „In jedem von uns stecken Gut und Böse.

Die Kunst ist, beides zu kontrollieren.“ Die Szene, in der Hyde seine Geliebte Lucy (Kristi Anna Isene) verführt, war so leidenschaftlich aufgeladen, dass kein Laut zu hören war. Auch die aus Norwegen stammende Sopranistin Isene glänzte mit ihrer schauspielerischen und gesanglichen Darbietung. Und die in Basel geborene Sopranistin Jardena Flückiger spielte eine so hoffnungsvoll Verlobte Lisa, dass man gar nicht anders konnte, als – trotz der Tragödie – an die Liebe als alles Böse überwindende Kraft zu glauben.

Ein phänomenales Musical, das sich lohnt, auch mehrmals zu besuchen.

Weitere Termine

2 Mal wird das Stück „Jekyll & Hyde“ im Rahmen des Ahoi-Hafenfestivals noch im Greifswalder Museumshafen zu sehen sein, und zwar am 24. und 25. Juni. Die Vorstellung beginnt jeweils um 19 Uhr.

5 weitere Termine gibt es auf der Wiese am Hansa-Gymnasium in Stralsund, am 29., 30. und 31. Juli sowie am 10. und 11. August. Die Vorstellung beginnt jeweils um 21 Uhr.

• www.theater-vorpommern.de

Annemarie Bierstedt

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