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Kultur Handschellen aus Jade und Kameras aus Marmor
Nachrichten Kultur Handschellen aus Jade und Kameras aus Marmor
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00:00 01.04.2014
Im Lichthof des Martin-Gropius-Baus Berlin bauten Helfer die Installation „Stools“ von Ai Weiwei auf. Sie besteht aus 6000 Hockern. Fotos (3): dpa

In der Rotunde des Berliner Martin-Gropius-Baus schwebt eine chromblitzende Installation Ai Weiweis aus mehr als hundert übereinander getürmten Fahrrädern. Räder sind bis heute das wichtigste Fortbewegungsmittel im atemlos wachsenden China. Im Lichthof bilden 6000 bäuerliche Schemel einen minimalistischen Teppich voll individueller Gebrauchsspuren. Auch Handschellen aus Jade, Überwachungskameras aus Marmor und Ai Weiweis Gefängniszelle als begehbares Gruselkabinett werden in der weltweit größten Ai-Weiwei-Ausstellung „Evidence“ zu sehen sein. Eröffnung ist am 3. April, auf den Tag genau drei Jahre nach der Verhaftung des Künstlers, Bloggers und Regimekritikers.

Insgesamt wurden für die „Evidence“ betitelte Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in den vergangenen Wochen sechs große Übersee-Container mit zum Teil raumfüllenden Objekten nach Berlin verfrachtet.

Über dem Atlantik sorgte ein Seesturm zwischenzeitlich für Lieferverzögerungen. Trotzdem ist alles rechtzeitig angekommen — außer Ai Weiwei selbst. Vor zwei Jahren wurde zwar der Hausarrest aufgehoben. Seine Reisedokumente aber hat der Künstler, dem Chinas Justiz Steuervergehen, Bigamie und Pornografie zur Last legt, bis heute nicht zurückbekommen.

In einem Interview stellt Ai Weiwei klar, dass der neue chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping so manches mit ihm gemeinsam hätte. Beide gehören der zweiten Generation der sogenannten „roten Aristokratie“ an. Beide Väter hätten sich als Revolutionäre sehr nahe gestanden. Ai Weiweis Vater Ai Qing gilt als einer der Erneuerer der chinesischen Lyrik. Unter Mao wurde er über Jahre hinweg zum Toilettenputzen an den Rand Chinas abkommandiert.

Gereon Sievernich, der Direktor des Martin-Gropius-Baus, schätzt die Chancen, dass alsbald Bewegung in die festgefahrene Lage Ai Weiweis kommt, als „sehr gering“ ein. Der Künstler selbst demonstriert seine Verbundenheit mit der deutschen Kanzlerin dadurch, dass er in seinem Studio in Peking eine lebensgroße Figur Merkels stehen hat: Die Pappkameradin trägt die rote Jacke und zeigt die charakteristische Fingerstellung.

In einem Anfang Mai in die deutschen Kinos kommenden Dokumentarfilm über Ai Weiwei („The Fake Case“) gibt es eine eindrucksvolle Szene, in der sich die hochbetagte Mutter des Künstlers an ihren Sohn wendet. „Einiges, was Du geschrieben hast, ist schon heftig“, sagt sie zu dem obsessiven Blogger. „Du kritisierst sie zu viel. 1957 hätten sie dich längst getötet. Ich habe Angst um dich“.

Die Besucher könnten bei einem Besuch der Ausstellung durch die nach Isoliermaterial riechende Zelle wandeln, die ein Nachbau jenes Verlieses ist, in dem der Künstler 2011 knapp drei Monate lang in Isolationshaft an einem unbekannten Ort festgehalten worden ist. Auch eine sakral anmutende Installation aus Mauerresten des 2010 von der Staatsmacht in Shanghai demolierten Studios ist aufgebaut.

Eine andere Skulptur besteht in Anspielung an Ai Weiweis documenta-Werk „Template“ von 2007 aus Tempeltüren. Diese sind allerdings nicht aus Holz, sondern aus Marmor. Der Stein komme aus dem selben Steinbruch wie das Material für das Mao-Mausoleum am Platz des Himmlischen Friedens in Peking, sagt Susanne Rockweiler, Mitarbeiterin des Gropius-Baus. Insgesamt ergießt sich die gigantische Ai-Weiwei-Schau über 18 Säle und den großen Lichthof des Gropius-Baus, also über etwa 3000 Quadratmeter. Als sein Lieblingswerk in der fast uferlosen Ausstellung bezeichnet Ai Weiwei in einem Anflug von Galgenhumor die Tatsache, dass er nicht daran teilnehmen dürfe. Das sei „ein Kunstwerk an sich“.

„Ai Weiwei — Evidence“, 3. April bis 7. Juli, Martin-Gropius-Bau Berlin

Künstler, Bildhauer, Regimekritiker
Ai Weiwei wurde am 28. August 1957 in Peking geboten. Der Konzeptkünstler, Bildhauer und Kurator ist der Sohn des Dichters und Malers Ai Qing und Halbbruder des Malers Ai Xuan.
Nach regierungskritischen Äußerungen bei Protesten in China kam er am 3. April 2011 in Haft. Ihm wurde ein Wirtschaftsdelikt vorgeworfen. Anfang Juni 2011 wurde Ai Weiwei in die Akademie der Künste Berlin aufgenommen. Er stimmte in Abwesenheit „mit großer Freude“ zu. Auch die Gastprofessur an der Berliner Uni der Künste will Ai Weiwei antreten. Doch er darf nicht ausreisen.
Chinas Regierungspropaganda versuchte in den letzten Jahren, ihn aus dem öffentlichen Bewusstsein zu entfernen. So darf Ai Weiwei in keinem Museum Chinas ausstellen.



Johanna Di Blasi

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