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Harter Stoff für Hollywood

Los Angeles Harter Stoff für Hollywood

Die düsteren Thriller von US-Autor Dennis Lehane sind erstklassige Geschichten für ganz großes Kino

Los Angeles. Clint Eastwood hat ihn zuerst entdeckt. Der Altmeister des amerikanischen Kinos zögerte keine Sekunde, nachdem er „Mystic River“ gelesen hatte. Eastwood griff zum Telefon und rief Dennis Lehane persönlich an, um sich den melodramatischen Thriller des jungen Bostoner Autors für die Leinwand zu sichern. Nur zwei Jahre nach Erscheinen des Romans war der gleichnamige Film 2003 in sechs Kategorien für den Academy Award nominiert und bescherte den Hauptdarstellern Tim Robbins und Sean Penn einen Oscar und den Golden Globe.

 

OZ-Bild

Boston-Boy: Der Autor Dennis Lehane lebt und schreibt heute in Los Angeles.

Quelle: Foto: Gaby Gerster/diogenes Verlag

Hollywood reißt sich geradezu um die Krimis von Dennis Lehane. 2009 verfilmte Martin Scorsese den Mystery-Thriller „Shutter Island“, Michael R. Roskam brachte 2014 „The Drop – Bargeld“ ins Kino und Ben Affleck hat nach „Gone Baby Gone“ (2007) nun zum zweiten Mal eine Lehane-Story für die Leinwand inszeniert: Das Gangster- Drama „Live by Night“, in dem Affleck auch die Hauptrolle spielt, ist gerade in Deutschland angelaufen. Dass Regisseure und Filmproduzenten so auf die Lehane-Stoffe anspringen, liegt an der Qualität und Dichte seiner Kriminalromane. Der 51-Jährige ist einer der Besten seines Genres, hat 14 Bücher in 23 Jahren veröffentlicht; in den USA zählt er seit Jahren zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren.

Für den deutschsprachigen Raum hat sich jetzt der Schweizer Diogenes Verlag die Rechte gesichert und lässt die bislang vom Ullstein Verlag publizierten Romane neu übersetzen. Das tut vor allem der Krimi-Serie um das Ermittlerduo Patrick Kenzie und Angela Gennaro gut, mit der Dennis Lehane 1994 seine schriftstellerische Karriere in Angriff nahm. Die Neuübersetzung seines Erstlings „A Drink Before the War“ unter dem deutschen Titel „Ein letzter Drink“ trifft passgenau den Ton des Originals und lässt bereits erahnen, dass Lehane in der Tradition von Raymond Chandler und Dashiell Hammett steht – und dem Vergleich mit den Vätern des amerikanischen Krimis standhalten kann.

Dennis Lehane ist ein Sohn irischer Einwanderer, 1966 geboren, der Vater ein Lagerarbeiter, die Mutter arbeitete in der Schulkantine. Der Junge wuchs im Bostoner Arbeiterviertel Dorchester zwischen den Fronten auf, denen von South Boston – „zu 100 Prozent weiß, arm, wütend rassistisch“ – und dem überwiegend schwarzen Roxbury.

Bandenkriminalität, Rassismus und Gewalt sind Alltag auf den Straßen. „Ich war schon früh überzeugt, dass jeder Rassenkampf im Grunde ein Klassenkampf ist, und dass es im ureigenen Interesse der Besitzenden ist, wenn die Besitzlosen miteinander im Clinch liegen. Das sehe ich heute noch genauso“, sagte Lehane 2009 in einem Interview mit dem britischen „Guardian“.

Gewalt, Waffen und Mord als Mittel der Wahl in diesem Kampf sind ein Grundthema in seinen Krimis. Sie spielen, mit wenigen Ausnahmen, in Boston. Die tiefe Kenntnis seiner Heimatstadt und ihrer Bewohner, der Gerüche und des Klangs seines Kiezes prägt Ton und Stil der präzise durchkomponierten Romane. Die erscheinen zunächst ganz umstandslos erzählt, entwickeln aber einen atemlosen Sog dabei, den Leser mitzuziehen in die dunkelsten Ecken und den übelsten moralischen Morast. Lehane als Autor verliert dabei jedoch niemals den Boden unter den Füßen. Seine sichere Basis ist das Papier. Es sind die Seiten der Bücher in der Ausleihbibliothek seiner Jesuitenschule, die ihm einen Weg weisen jenseits der Straßen seines Viertels.

Es ist das Papier, auf dem er später, nach abgebrochenem Lehramts- und Journalismusstudium und einigen Berufsjahren als therapeutischer Berater für sexuell missbrauchte Kinder, im Studiengang für Kreatives Schreiben am Eckerd College in Florida seine ersten Stories schreibt. In diesen in Boston angesiedelten Kriminalromanen um Kenzie/Gennaro kehrt er wieder zurück in seinen Kiez. Wie eine Heimkehr sei das gewesen, sagt Lehane, ein mittlerweile ergrauter Rotschopf mit irischem Sommersprossenteint und einem sensiblen, spitzen Kinn.

Eines Tages stieg dann Bill Clinton aus der Air Force One, in der Hand Lehanes fünften Krimi „Regenzauber“ – und mit der Verbreitung des Clinton-Fotos schnellten die Verkaufszahlen von Lehanes Büchern in die Höhe. Dann rief Eastwood an. Seitdem hat Lehane einen Namen in Hollywood und liefert dem Filmgeschäft inzwischen auch als Drehbuchautor für Fernsehserien wie „The Wire“ oder „Boardwalk Empire“ Material.

Mit seiner Familie lebt Lehane seit einigen Jahren in Los Angeles, schreibt diszipliniert jeden Tag bis 16 Uhr, dann hat er Zeit für seine beiden Töchter. Boston ist Vergangenheit. Das harte Pflaster der Großstadt, Gewalt, Korruption und Klassenunterschiede aber liefern noch immer den Stoff für seine Gangster-Epen: „Ich werde immer fasziniert sein vom Verlust der Unschuld“, sagt Lehane.

Geschöpfe der Nacht – ein eindrucksvoller Krimi

Als Gesetzloser sieht sich Joe Coughlin, nicht als Gangster, aber irgendwie muss sich die Nadel seines moralischen Kompasses falsch ausgerichtet haben. Wie aus Joe, Sohn des stellvertretenden und korrupten Polizeichefs von Boston, der Kopf eines der größten Schmuggler-Syndikate der Prohibitionszeit wird, erzählt Dennis Lehane in seinem fürs Kino adaptierten Gangsterdrama „Live by Night“.

Ein wuchtiger Krimi und vielschichtiger Entwicklungsroman, der Joes Karriere in der Unterwelt begleitet und allein für den ersten Satz den Preis des besten Romananfangs verdient hätte: „Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko. Seine Füße steckten in einem Block Zement.“

Erschienen unter dem Titel „In der Nacht“ und zum Filmstart vom Diogenes Verlag neu aufgelegt (585 Seiten, 10 Euro).

Regine Ley

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