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Kultur „Hier sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld“
Nachrichten Kultur „Hier sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld“
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00:00 14.07.2016

Gräfenheinichen. Der Hannoveraner Streetart-Künstler Joy Lohmann (50) macht mal wieder in Müll. Lohmann hat die Hinterlassenschaften der Besucher des Festivals „splash!“ bei Gräfenheinichen (Sachsen-Anhalt) gesammelt und baut daraus eine Insel. Ein schwimmendes Kunstprojekt auf dem Gremminer See bei Ferropolis als Mahnung gegen Umweltsünden. Die Installation trägt den Namen „Insula Communis“ und soll auf den globalen Klimawandel und damit einhergehende Flüchtlingsbewegungen aufmerksam machen.

Sie bauen eine Insel, die auf dem Gremminer See nahe der Festivals „splash!“ und „Melt!“ auf der Halbinsel Ferropolis schwimmt. Warum tun sie das?

Joy Lohmann: Weil die Nachfrage nach schwimmenden Inseln mit dem Meerwasserspiegel steigt. Die Insel ist eine soziale Skulptur und Teil des langfristigen Projekts Open-Island, das auf Folgen des Klimawandels und auf die Situation von Flüchtlingen hinweisen soll.

Ihre Insel ist eine Insel aus Müll?

Lohmann: Ja, genau. Das „splash!“-Festival in Ferropolis ist gerade zu Ende. Jetzt sind wir auf dem Gelände unterwegs und sammeln den Müll, um daraus etwas Neues zu gestalten. Es sieht hier aus wie auf einem Schlachtfeld. Ganz schlimm. Überall liegen zurückgelassene Zelte.

Warum lassen die Festivalbesucher ihre Zelte einfach stehen?

Lohmann: Zelte sind billiger als früher. Wenn ein Zelt 25 Euro kostet, kümmern sich viele Leute nicht darum, es zu reinigen oder zu reparieren. Für Upcycling-Künstler ein Paradies. Den Abfall transformieren wir in unsere schwimmende Installation, die beim „Melt!“-Festival zu sehen sein wird, das Freitag, 15. Juli, beginnt.

Wie soll daraus ein Floß werden?

Lohmann: Diese Transformationsarbeit mache ich seit 1997. Zur Expo in Hannover hatte ich aus Wohlstandsmüll ein Floß für den Maschsee gebaut. Ich habe die Technik weiterentwickelt, nun ist es ein funktionierendes Bausystem, das wir immer einsetzen können.

Ja, aber wie gelingt es Ihnen, alte Zelte schwimmfähig zu machen?

Lohmann: Wir haben lange Zeit mit Plastikflaschen gearbeitet. Jetzt dienen uns leere Kanister aus der Druckindustrie als Schwimmkörper. Die befestigen wir an alten Transportpaletten. So entstehen die schwimmenden Plattformen, für die wir Aufbauten gestalten. Wir arbeiten modular. Es gibt eine Energieinsel mit Solartechnik, eine Garteninsel und Themeninseln.

Warum Inseln? Sie könnten auch einen Turm bauen, um auf Umweltverschmutzung hinzuweisen.

Lohmann: Wir haben einen Turm gebaut. Der steht auf einer Insel des „Open-Island“-Projekts. Inseln ist ein Thema, mit dem ich mich schon lange beschäftige. Ich bin Künstler und im Umweltschutz engagiert. Ich sehe den Klimawandel als größte Herausforderung. Mit den schwimmenden Inseln habe ich zwar keine Lösung des Problems gefunden, aber ich kann das Thema sinnlich erfahrbar machen.

Dadurch, dass Sie Inseln bauen, ist der Müll ja nicht verschwunden. Die Inseln sind der Müll.

Lohmann: Man kann fragen: Ist das Müll oder ist das Kunst? Es sind temporäre Kunstwerke, aber die Wirkung ist nicht temporär, die ist langfristig und nachhaltig.

Was passiert mit der Insel, wenn das Festival zu Ende ist?

Lohmann: Bei den vergangenen Installationen war es so, dass Teile für das nächste Projekt genutzt werden konnten. Bei diesem Projekt sprechen wir mit den Ferropolis-Betreibern auch über eine stationäre Insel auf dem Gremminer See.

Wie ist das mit der Finanzierung? Können Sie Ihre Kunst verkaufen?

Lohmann: Die Aktion am Gremminer See wird durch ehrenamtliches Engagement finanziert. Die meisten kommen aus der Maker-Szene und haben Spaß an solchen Arbeiten. Unser Projekt hier hat ein Budget von 20000 Euro. Die eine Hälfte bringen wir selbst mit ein, die andere kommt von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt.

Und wie sieht das bei zukünftigen Inselprojekten aus?

Lohmann: Es gibt Überlegungen, dass der Inselbau fester Bestandteil von Festivals werden könnte.

Als Besucherbespaßung?

Lohmann: Das ist nicht unsere Mission. Wir wollen Lösungen finden, wie sich Menschen in Gegenden, die vom Klimawandel besonders bedroht sind, helfen können.

Ist Ihnen schon mal eine Insel untergegangen?

Lohmann: Eine Insel wurde mir abgefackelt. Ein Floß, das ich zur Weltausstellung gebaut hatte, sollte 2002 von Hannover nach Berlin fahren. Fünf Tage vor dem Start hat es jemand auf dem Mittellandkanal niedergebrannt. Das war eine kritische Situation, weil die Vermutung aufkam, dass ich es angezündet hätte. Aber das ist Unsinn. Das Objekt war nicht versichert. Ich hätte keine Vorteile davon, das Floß zu versenken. Aber jede Krise birgt eine Chance. Wir haben viel Solidarität erfahren, unser Netzwerk hat sich verdichtet und wir konnten die Aktion mit einer neuen Schwimmkonstruktion durchführen.

Darf jeder Ihre Insel betreten?

Lohmann: Im Grunde ja. Aber es gibt Zugangsbeschränkungen. Wir arbeiten mit Geflüchteten aus Erstaufnahmeeinrichtungen zusammen. Die machen für uns die Security und passen auf, dass nicht zu viele Leute auf die Insel kommen. Es ist schön, die Verhältnisse mal umzudrehen. Mit dem Thema Flucht würde ich gern weiterarbeiten. Flucht ist ja eine Konsequenz des Klimawandels. Wenn immer mehr Gegenden unwirtlich werden, wird es immer mehr Flüchtende geben. Das, was wir bisher erlebt haben, ist die Spitze des Eisbergs.

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