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00:00 13.10.2017
Dr. Vivien Suchert (27), promovierte Gesundheitspsychologin, joggt regelmäßig an der Steilküste bei Elmenhorst. Quelle: Foto: Ove Arscholl

„Ständig auf Achse, aber so gut wie nie in Bewegung. So sieht der Alltag der allermeisten von uns aus.“ Dr. Vivien Suchert (27) aus Elmenhorst bei Rostock hat eine einfache, einleuchtende, aber auch überraschende Erkenntnis über den Homo Digitalus gemacht – den modernen Menschen in der digitalisierten Gesellschaft, der zwischen Arbeitsplatz am PC und Fernsehplatz auf der Couch mit dem Auto switcht und sich von den Ablenkungen seines Daseins gehetzt fühlt. Ohne sich groß zu bewegen. Dass dieses Verhalten ungesund ist – zumal wenn es mit allerlei Fast Food, Zuckerleckerlis und Alkohol unterfüttert wird– weiß jeder Mensch. Doch viele kriegen es nicht geändert.

Vivien Suchert aus Elmenhorst fordert in ihrem Buch „Sitzen ist fürn Arsch“ eine neue Gesellschaftsform für einen aktiven Lebensstil.

Vivien Suchert, promovierte Gesundheitspsychologin, geht noch einige drastische Schritte weiter. In ihrem ersten Buch mit dem launig frechen Titel „Sitzen ist fürn Arsch“ weist sie nach, dass die überwiegend sitzende Lebensweise den Menschen chronisch krank macht und den gesamten Organismus massiv schädigt. Vivien Suchert hat sich während ihrer Promotion an der Universität Kiel mit den Folgen eines überwiegend sitzenden Lebensstils befasst und schlussfolgert, dass der menschliche Körper überhaupt nicht für das Sitzen geeignet ist. „Ich sehe das auch aus evolutionärer Sicht. Bis zur industriellen Revolution hatten wir Menschen einen aktiven Lebensstil. Wenn man das wieder hinbekommt, braucht man sich auch keine Gedanken über Balance zu machen.“ Durch verschiedene physiologische Prozesse, die unter anderem mit dem Blutkreislauf des Menschen, dem Fettstoffwechsel, Entzündungsprozessen und der Regulation des Blutzuckerspiegels zusammenhängen, könne zu viel Sitzen zu Krebs, Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Thrombose führen.

Vivien Suchert erklärt: „Wenn man lange sitzt, versackt das Blut in den unteren Teil des Körpers und die Blutzirkulation verschlechtert sich. Der Blutzuckerspiegel kann nicht mehr so gut reguliert und die Fette können nicht mehr so gut vom Körper verarbeitet werden. Die Muskelaktivität vor allem in den Beinen nimmt ab, die Bandscheiben, die Bewegung benötigen, werden nicht mit Nährstoffen versorgt und so weiter.“

Was also tun? Ins Fitnessstudio und Eisen stemmen, bis die Muskeln Berge bilden? Laufschuhe an und den ersten Marathon anpeilen? In einen engen Body zwängen und Aerobic, Bodycombat oder wie all die Angebote heißen, durchziehen, bis die Füße glühen? Auch falsch! Die junge Wissenschaftlerin hat neben ihren physiologischen Beobachtungen zum Menschen der Gegenwart auch festgestellt, dass die Gesellschaft sich in zwei Hälften teilt. Couchpotatos und Körpergurus. Sitting Bull oder Fitnesswahn. Die einen sitzen, hocken, futtern, werden dick und krank. Die anderen laufen, stemmen, schwitzen, zählen Runden, Kalorien, Gewichte, werden dünn und krank.

Denn auch ein Zuviel ist nicht gesund und schlägt sich irgendwann auf den Bewegungsapparat nieder. Vivien Suchert sagt: „Alles, was man extrem macht, ist aus gesundheitlicher Sicht nicht gut.“ Sie plädiert für eine „neue Gesellschaftsform“ und einen aktiven Lebensstil. Fahrstühle und Rolltreppen zum Beispiel – für die junge sportlich aktive Frau unbekannte Wesen. Der Kontakt mit dem Arbeitskollegen einen Flur höher zum Beispiel – statt E-Mail oder Telefon, einfach mal hingehen. Arbeit am Computer zum Beispiel – kein Problem, jede Stunde mal aufstehen und ein paar Minuten die Beine vertreten, strecken, dehnen oder vielleicht sogar etwas Gymnastik im Büro.

Vivien Suchert selbst treibt seit ihrer Kindheit Sport. Früher war sie mit dem Bruder oft auf dem Bolzplatz draußen und war jahrelang im Judo aktiv. Später kamen Basketball, Volleyball, Gymnastik, Yoga, Kitesurfen dazu. Sie läuft gern, aber auf keinen Fall Marathon. „Es geht nicht um Leistungssport, sondern um einen aktiven Lebensstil“, sagt sie. Sich neben Beruf und Familie die Belastung eines Leistungssportlers aufzunacken – und nichts anderes seien Marathontraining oder Fitnesswahn, den die meisten Studios vorleben – sei aus gesundheitlicher Sicht unsinnig. Sinnvoller sei es, Spaß

an der Bewegung zu entwickeln, ob das beim Spazierengehen im Wald oder am Strand, beim Handwerkeln der Gartenarbeit oder dem Herumtoben mit Kindern, Drachensteigenlassen oder Frisbeespielen, ist.

Das Problem: Spaß an Bewegung wird im Kindesalter gelegt. Wer sich da viel bewegt, wird auch als Erwachsener mehr Freude an Bewegung haben. Die junge Autorin selbst ist sehr fit, wirkt aber nicht wie eine dieser Fitnessverrückten, die bereits äußerlich wie eine Tütenmischung aus Muskeln, Knorpel und Knochen rüberkommen und keine Sekunde still sitzen können. Ihr Buch ist eine amüsante, leichte und wissenschaftlich fundierte Hilfe, die eigene Lebensweise zu ändern, ohne sich unter der nächsten Knute eines idealisierten Körperbildes zu knechten. Beim Lauftraining an der Steilküste von Elmenhorst weist sie auf zwei Familien. Ein Vater lässt mit seinen Kindern Drachen steigen. Ein anderer buddelt mit zwei Steppkes im Sand und baut eine Burg. Kein Leistungssport, kein Lifestylestress, sondern Spaß und aktive Lebensweise.

Vivien Suchert hat die Buchdeckel von „Sitzen ist fürn Arsch“ erst mal zugeklappt. Bald geht es auf Werbetour durch Deutschland. Rostock natürlich, Dresden, wo sie studiert hat, und Halle an der Saale, wo sie herkommt. Und dann, neues Buch? „Vielleicht. Vor allem aber wollen mein Freund und ich dauerhaft nach Australien.“ Bei einer einjährigen Work-and-Travel-Tour down under hat sie ihr Buch „Sitzen ist fürn Arsch“ geschrieben. Tja, in Bewegung ist vieles möglich.

Michael Meyer

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