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Hochdramatisch und visionär – ein estnisches Oratorium

Greifswald Hochdramatisch und visionär – ein estnisches Oratorium

Es durfte gestaunt werden! Denn was am Sonntag in Greifswalds Dom St. Nikolai als oratorische Eröffnung der „baltisch“ orientierten 70.

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Ekkehard Ochs über den Auftakt der Greifswalder Bachwoche

Greifswald. Es durfte gestaunt werden! Denn was am Sonntag in Greifswalds Dom St. Nikolai als oratorische Eröffnung der „baltisch“ orientierten 70. Greifswalder Bachwoche erklang, war eine handfeste Überraschung: das Oratorium „Des Jona Sendung“ von Rudolf Tobias (1873-1918).

In Estland geborener Schüler von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow, namhafter Organist und Chorleiter, später in Leipzig tätig, ehe er 1912 Lehrer für Musiktheorie an Berlins Königlicher Musikhochschule wurde, gilt Rudolf Tobias als Begründer estnischer professioneller Musik. Wer die vorgestrige Aufführung erlebt hat, würde sie auch gleich als deren ersten Höhepunkt bezeichnen. Und das Oratorium gar als Solitär!

Denn diese 140 Minuten einer originellen, faszinierend „atemlos“ wirkenden und musiksprachlich alle Traditionen bis zu Liszt, Brahms, Wagner und Mahler eigenwillig absorbierenden Klang- und Ausdruckswelt scheinen nahezu ohne Vorbild. Und so geriet der Abend zur Begegnung mit einem Werk, das sich als für seine Zeit kirchenmusikalisch reformerisch gibt: thematisch mit der Jona-Geschichte des Alten Testaments und mit musikalisch extremer Expressivität, bewusst unbeschönigend auch schärfste Kontraste geradezu suchend.

Unabhängig von Tobias’ individueller Sicht ist das Werk ein Monument enormen Ausdrucks- und Gestaltungswillens, denen sich Dom- und Uni-Chor (Universitätsmusikdirektor Harald Braun), der Domkinderchor (Eva-Christiane Schäfer), das Ensemble Greifvocal, das Bachwochenorchester sowie Christine Wolff (Sopran), Bogna Bartosz (Alt), Christoph Rösel (Tenor), Thomas Wittig (Bariton) und Johannes Happel (Bass) mit sichtlichem Engagement – und durchschlagendem Erfolg widmeten.

Vergleichbares war bislang nicht oft zu hören. Jochen A. Modeß sorgte zwischen verhauchtem „misterioso“ und vielfach dominierender, so hochdramatischer wie grenzwertiger Klangopulenz für Dauer-Hochspannung; eingeschlossen eine Ausdrucksvielfalt und -intensität, wie sie beschwörender, visionärer und kompromissloser schwerlich vorstellbar scheint. Spätestens da fällt einem der große Hermann Kretzschmar ein, der den „Jona“ als das gewaltigste kirchliche Werk seit Bach bezeichnet hatte. Quod erat demonstrandum!

OZ

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