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„Hoffmanns Erzählungen“ in Draufsicht, ohne Durchsicht

„Hoffmanns Erzählungen“ in Draufsicht, ohne Durchsicht

Mit Jacques Offenbachs großer romantisch-fantastischer Oper „Hoffmanns Erzählungen“ (1881) präsentierte sich nun auch das durch den Intendantenwechsel neu formierte ...

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Heinz-Jürgen Staszak über eine Opern- premiere im Schweriner Theater

Mit Jacques Offenbachs großer romantisch-fantastischer Oper „Hoffmanns Erzählungen“ (1881) präsentierte sich nun auch das durch den Intendantenwechsel neu formierte Musiktheaterensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin. Eine gute Wahl für solch einen Neustart, der aber letztlich dann doch in provinzieller Großartigkeit hängen blieb.

Auf Großartigkeit, auf Opulenz und Eindruckskraft zielte der Gestus der Inszenierung des neuen Operndirektors Toni Burkhardt (37), einem Import aus Nordhausen, mit dem großräumigen videogestützten Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning, von kühler Funktionalität in stimmungsvoller Lichtregie, das erst im 4. Akt sinnliche Üppigkeit gewinnt, mit den fantasiereichen Kostümen von Adriana Mortelliti, mit einem bewegungsfreudigen, sinnfällig und geschickt geführten und auch noch gut singenden Chor und mit einer Staatskapelle, die unter Daniel Huppert Offenbachs wechselvoll betörende Musik, bei nicht immer besten dynamischen Balancen, eindrücklich musizierte.

Auf solistische Großartigkeit zielte auch die Besetzung der sich gegenseitig spiegelnden Rollen durch jeweils eine Sängerin oder einen Sänger: Hoffmanns Geliebte Stella in ihren drei Facetten als seelenloser perfekter Schönheits-Automat Olympia, als todgeweihte Künstlerin Antonia, als kaltherzige Kokotte Giulietta mit der Sopranistin Elena Puszta, eine enorme fachübergreifende Herausforderung, die sie gut bestand, ohne dabei die letzten Winkel der Facetten auszuleuchten; Hoffmanns Rivale Lindorf in seinen drei immer dämonischer werdenden Metamorphosen mit dem jungen Sebastian Kroggel, für den das Gleiche gilt. Einzig Hoffmann bleibt im Kaleidoskop obsessiver Phantasmagorien immer derselbe: Rodrigo Porras Garulo als sentimentaler, egomaner Alkoholiker, mit strahlkräftigem Tenor, aber ohne romantische Innigkeit, immer ein wenig zu forciert, seine Liebeserklärungen klingen meist wie Schlachtrufe. Die überzeugendste Leistung liefert Antigone Papoulkas als Niklaus, als Frau die liebende Muse Hoffmanns, als Mann die Stimme der Vernunft, die ihn beide schließlich befreien.

Provinziell bleibt dieser – bei schmalen Ressourcen – stolze Aufwand insofern, dass Regisseur Reichardt bei seinem geistigen Zugriff sich mit Mainstream begnügt, mit der heute üblichen Denkmasche, die Ursachen für ein Ungenügen an der Welt in der individuellen psychischen Befindlichkeit festzumachen. Es ist aber der Pfiff der romantischen Konzepte sowohl von E. T. A. Hoffmann als auch von Offenbachs Oper, der Wirklichkeit auf die Schliche kommen zu wollen, indem diese in die Unheimlichkeit des Fantastischen verwandelt wird. Aber hier wird Hoffmann nur zu einem getriebenen individuellen Neurotiker, der auf die Couch gelegt wird, ohne nach den überindividuellen Ursachen seiner Neurosen zu fragen. Reichardt macht dies mit handwerklichem Geschick, unter wohltuendem Verzicht auf exaltierte Modernismen, die handlungspralle Fülle übersichtlich strukturiert, aber auch ohne erschreckende Unheimlichkeit und ohne symbolische Gleichniskraft, nur in anstrengungsloser Draufsicht, ohne erhellende Durchsicht, so dass man sich fragt, wozu und zu welchem Endzweck erzählt Reichardt-Hoffmann eigentlich diese Geschichten?

„Lass dir nichts von Hoffmann erzählen“, heißt ein altes Saloncouplet auf die Melodie der Barkarole aus dieser Oper. Von Reichardt vielleicht auch nicht.

OZ

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