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„Hundeherz“: Unmöglichkeit „neuer Menschen“

Schwerin „Hundeherz“: Unmöglichkeit „neuer Menschen“

Mit „Hundeherz“ im Schweriner E-Werk präsentiert das Mecklenburgische Staatstheater eine wunderbare Entdeckung, eine Geschichte, die ebenso abgefahren wie hintergründig ist.

Schwerin. Mit „Hundeherz“ im Schweriner E-Werk präsentiert das Mecklenburgische Staatstheater eine wunderbare Entdeckung, eine Geschichte, die ebenso abgefahren wie hintergründig ist. Der Russe Michail Bulgakow (1891-1940) schrieb seine Novelle um 1925 und dramatisierte sie 1926, der Text wurde durch die sowjetische Zensur verboten und erschien in autorisierter Fassung erst 1989.

Es ist eine heftig spottende Satire auf die damals im leninistisch-stalinistischen Sozialismus dekretierte ideologische Illusion von der Schaffung eines „Neuen Menschen“, der dort durch zwanghafte Erziehung entstehen sollte. Ein veraltetes Stück ist es heute jedoch nicht, denn vom Homunkulus in „Faust 2“ bis zur Biotechnologie der Gegenwart geistern die irrwitzigsten Fantasien von der „Optimierung“ des Menschen durch die Ideologien der Neuzeit – und lassen Bulgakows Geschichte immer noch skurriler und stärker wirken.

In „Hundeherz“ ist es der Arzt Professor Preobraschenski, ein Star-Heiler für die Oberschicht, der einen streunenden Straßenköter durch Operationsexperimente zum Menschen macht. So wie der Arzt einer alternden Patientin für viel Geld die Eierstöcke einer Äffin einpflanzt, damit sie’s noch mal richtig krachen lassen kann, so pflanzt er dem Hund eine neue Hypophyse ins Hirn und Menschenhoden zwischen die Beine – man weiß nicht genau, welcher Eingriff die Vermenschlichung bewirkt.

Der Hund wiederum, der zuvor in der Gosse des proletarischen Milieus aufgewachsen ist und deshalb viel über Proletarier schimpft, wird nun selbst durch Herrn Professor auf die untere soziale Stufe verwiesen, kooperiert daraufhin als Prolet mit der stalinistischen Staatsmacht, denunziert den Mediziner-Bourgeois und wird gar Staatsfunktionär für die Bereinigung Moskaus von streunenden Tieren.

Der „neue Mensch“ als Prolet und Bürokrat alten Stils – dem Professor bleibt zum Selbstschutz seiner Stellung nichts übrig, als durch neuerliche Operation den Menschen in einen Hund zurückzuverwandeln.

Inszeniert hat das Ganze die junge Iranerin Mina Salehpour (31), vor drei Jahren mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. Sie geht originell und zugleich behutsam zu Werke: baut die Szenen konzentriert im Dienste der absurden Geschichte, variiert Rhythmus und Tempo und lässt das Ganze auch als Arbeitsprozess des Theaters erkennbar sein.

Als Hund Lumpi und Mensch Lumpikow turnt Denis Geyersbach lebhaft und eigensinnig durchs Stück, Martin Brauer gibt den Professor als eloquenten und geschäftstüchtigen Arzt. Vincent Hepper und Katrin Heinrich sind als dessen Personal sowie in weiteren Rollen auf der Bühne. Das Ganze ist amüsant, nie klamaukig und dennoch eine Groteske mit Schwung.

Dietrich Pätzold

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