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„Ich bin faul, aber ehrgeizig“

„Ich bin faul, aber ehrgeizig“

Die Autorin Ronja von Rönne (24) liest morgen in Rostock aus ihrem Debüt „Wir kommen“. Der OZ sagt sie, warum es ein Kraftakt war, den Roman zu schreiben.

Frau von Rönne, in Ihrem Buch geht es um eine junge Frau, deren beste Freundin stirbt und die das aus der Bahn wirft. Auch ihre polygame Beziehung droht zu scheitern. Wie sind Sie auf die Idee für diese Geschichte gekommen?

Ronja von Rönne: Eigentlich habe ich ein halbes Jahr an zwei Büchern geschrieben: eine Nicht-Liebesgeschichte zwischen vier unsympathischen Städtern und der Freundschaft zwischen zwei Kindern gegen den Rest der Welt. Verzahnt habe ich die beiden erst am Ende, ein Kraftakt, eigentlich das Anstrengendste am ganzen Buch. Polygamie fand ich immer schon ein interessantes Thema, aber mehr in der Theorie als in der Praxis — da hat sich der literarische Umgang damit quasi angeboten.

Wie viel von der Protagonistin Ihres Buches sind Sie selbst?

Von Rönne: Ich möchte immer sagen: Gar nichts. Schließlich wurde ich ja dafür bezahlt, mir etwas auszudenken. Und tatsächlich sind die Dinge, die in meinem Buch geschehen, frei und frank erfunden. Aber natürlich sind sämtliche Zustände, durch die die Protagonisten gehen — Eifersucht, Panikattacken, Sehnsucht, Nostalgie — auch irgendwann von mir empfunden worden.

Sie kommen ja, wie die Protagonistin, auch aus einem kleinen Dorf. Sind Sie da, wie Nora und Maja im Buch, auf Autodächer geklettert, um die Besitzer der Wagen zu ärgern?

Von Rönne: Nein, Maja war wohl eher eine Figur, nach der ich mich gesehnt hätte als Kind. Ich empfand mein eigenes Leben immer schon als zu langweilig. Wahrscheinlich landet man als Kind deshalb bei Büchern. Mit elf habe ich geweint, weil ich nicht den berühmten Brief aus Hogwarts bekommen habe.

In Ihrem Buch scheitert die polygame Beziehung der Protagonisten am Ende. Glauben Sie, polygame Beziehungen können funktionieren?

Von Rönne: Ich glaube, Menschen sollten sich frei für ein Beziehungsmodell entscheiden, egal ob das erzkonservativ oder eine offene Beziehung ist, und ganz besonders egal sollte sein, was andere davon halten könnten. Polyamorie ist sicherlich nicht einfach. Aber wann ist es schon einfach? Manche Menschen leiden sicherlich weniger unter Eifersucht als unter einer unterdrückten Sexualität. Jede Beziehung ist ein eigenes Sonnensystem, das eigenen Gesetzen folgt. Die Maßstäbe anderer Galaxien gelten nur bedingt. Ich kenne Menschen, die glücklich in polyamourösen Netzen leben und andere, die sehr glücklich seit dem Abitur verheiratet sind. Der Mensch ist sonderbar, das gilt dann wohl auch für das, was zwischen zwei, drei, sieben von ihnen entstehen kann.

Im Buch geht es auch oft ums Internet und die Abhängigkeit davon. Ziehen Sie da manchmal den Stecker und stellen Ihren Rechner und Ihr Smartphone radikal aus?

Von Rönne: Ja, aber ich hänge immer noch zu viel davor. Obwohl es mich mehr abhängig als glücklich macht.

Sie sind nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Journalistin. In einem Artikel für „Die Welt“ haben Sie geschrieben, dass Sie Feminismus anekelt. Darüber gab es angeregte Debatten im Netz.

Wegen der krassen Reaktionen haben Sie Ihren Blog sogar zwischenzeitlich aus dem Netz genommen. Was haben die Leute Ihnen geschrieben?

Von Rönne: Ich verstehe im Nachhinein die heftigen Reaktionen, die es damals gab. Der Feminismus per se ekelt mich natürlich nicht an, ich habe mich damals gegen einige gegenwärtige Strömungen des aktuellen Netzfeminismus auszusprechen versucht — herausgekommen ist ein sehr missverständlicher Artikel. Ich möchte Ihren Lesern eigentlich ersparen, was ich da alles bekommen habe.

Es war sehr unschön.

Was hat sie besonders getroffen?

Von Rönne: Am schlimmsten sind nicht Beleidigungen unter der Gürtellinie, sondern Verleumdungen. Ich habe oft gelesen, mir sei eh alles zugefallen, weil ich jung, schön und adelig sei.

Ich habe erst ganz spät begriffen, dass das am „von“ in meinem Namen liegt. So etwas trifft mich besonders, weil ich nicht besonders privilegiert aufgewachsen bin und mir das, was ich erreicht habe, selbst erarbeitet habe. Ganz ohne „Connections“ oder „Hochschlafen“. Ich frage mich eh, in welcher Welt Menschen leben, in der „Hochschlafen“ funktioniert. Das Einzige, was die meisten von Sex haben, ist glaube ich Sex. Reicht ja auch.

In Ihrem Blog „Sudelheft“ schreiben Sie: „Ich mag herumliegen lieber als schreiben“. Sind Sie ein fauler Mensch?

Von Rönne: Faul ja, aber auch ehrgeizig. Denkbar ungünstige Mischung. Andererseits sagte Bill Gates mal, er stelle am liebsten faule Menschen ein, die seien so geschickt darin, neue, zeitsparende Wege zu finden. Also versuche ich es vielleicht bei Microsoft, wenn ich zu faul für einen weiteren Roman bin.

Haben Sie es als anstrengend empfunden, das Buch zu schreiben? Wie lange hat es gedauert?

Von Rönne: Ja, sehr. Die Komplexe standen mir im Weg, die Zeit raste, ich hatte nur ein knappes Jahr Zeit und habe natürlich viel zu spät angefangen. Am meisten gearbeitet habe ich, je näher ich der Deadline kam.

Sie sind erst Mitte zwanzig, aber schon ganz schön erfolgreich. Wie fühlt sich das an?

Von Rönne: Im eigenen Empfinden ändert das gar nicht so viel. Vor einem Jahr habe ich noch normal studiert, mittlerweile gebe ich Interviews. Am Ende fühlt es sich aber gar nicht so viel anders an, an einer Hausaufgabe für ein Seminar zu sitzen oder an einem Zeitungsartikel zu schreiben. Es ist schön, dass ich vom Schreiben leben kann. Ich bin sehr dankbar dafür. Aber die Sorgen bleiben ähnlich, die Müdigkeit verschwindet nicht, das Selbstbewusstsein bleibt skeptisch — und Einkaufstüten platzen noch immer zwei Schritte vor der Haustür.

In Rostock lesen Sie in der kommenden Woche aus Ihrem Buch „Wir kommen“. Waren Sie schon mal in der Hansestadt? In MV?

Von Rönne: Nein! Deswegen freue ich mich sehr. Das Tollste am Buch sind eigentlich die Lesungen. Man sieht neue, oft sehr schöne Orte, an die man sonst vielleicht nie gereist wäre, und es macht mir großen Spaß, vor Publikum zu lesen.

Von Interview von Nele Baumann

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