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„Ich habe mich in Deutschland nie zu Hause gefühlt“

„Ich habe mich in Deutschland nie zu Hause gefühlt“

Birgit Vanderbekes neuer Familienroman erzählt von der Flucht ihrer Familie in den Westen Anfang der 1960er Jahre / Am Sonnabend liest sie daraus in Klütz

Klütz Seit mehr als 20 Jahren lebt Birgit Vanderbeke in einem kleinen Ort in Südfrankreich. Sie stammt aus Brandenburg und siedelte im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern nach Westdeutschland über. Genau wie das Mädchen in ihrem neuen Buch „Ich freue mich, dass ich geboren bin“. Für die Eltern ist es das Land der Verheißung, für das Kind aber ein entsetzlicher Ort, an dem Gewalt herrscht und aus dem es mit Hilfe seiner Fantasie ausbrechen kann. Ein Gespräch über Flucht, Heimat und Missbrauch.

Schöne Grüße aus dem kalten grauen Norden!

Birgit Vanderbeke: Eiskalte, aber sonnige Grüße zurück! So kalt wie jetzt war es den ganzen Winter nicht. Die Rosen, Aprikosen und Mandelbäume haben schon geblüht, alles ist durcheinander.

Sie leben seit 1993 in Südfrankreich. In Ihrem neuen Buch heißt es: Abhauen, das haben alle gemacht in der Familie. Haben Sie die Tradition der Familie fortgesetzt?

Vanderbeke: Ja, das könnte man so sehen. Die Familien meiner Eltern sind aus unterschiedlichen Orten in einem Dorf in Brandenburg zusammengekommen und von dort auch wieder weggegangen.

Das Mädchen in Ihrem Buch erlebt mit fünf Jahren die Flucht von Ost- nach Westdeutschland. Auch Sie waren fünf Jahre alt, als ihre Eltern 1961 in die Bundesrepublik übersiedelten. Wie autobiografisch ist das Buch?

Vanderbeke: Meine Lebensdaten stimmen, aber ansonsten ist natürlich viel Fantasie dabei. Ich verwende ja häufig in meinen Büchern einzelne Episoden oder Fakten aus meinem Leben, um eine Geschichte zu erzählen.

OZ: Das Kind, das Sie beschreiben, leidet extrem darunter, dass seine Bedürfnisse von den Eltern ignoriert werden. War das typisch für die 1960er Jahre?

Vanderbeke: Ich denke, das ist typisch für die heutige Zeit. Darum habe ich das Buch geschrieben. Ich stelle einen enormen Mangel an Einfühlung, an Empathie, an Herzensgüte fest, genau wie ich es aus meiner Kindheit kenne.

Ich beobachte eher, dass sich das Leben vieler Eltern sehr um die Kinder dreht.

Vanderbeke: Aber indem sich alles ums Kind dreht, kommt es ja nicht vor. Es wird nur viel gequatscht darüber. Sagen wir mal so: Jedes Wischtelefon ist wichtiger.

Wie meinen Sie das?

Vanderbeke: Ein Beispiel: Ich saß vor zwei Jahren in London an der Themse und sah eine Prozession von Müttern vorbeijoggen, die Kinder vor sich im Kinderwagen, links das Handy am Ohr. Sport ist heutzutage wichtig, Kommunikation ist wichtig, Facebook ist wichtig, der schicke Kinderwagen ist wohl auch wichtig. Aber das Kind sitzt wie ein Frachtstück darin.

Im Buch geht es latent um Gewalt, die dem Kind angetan wird. Sie wird nicht expliziert beschrieben. Aber man hat fast Angst, weiterzulesen, weil diese Bedrohung über allem schwebt. Ist das autobiografisch?

Vanderbeke: Ja. Das ist aber auch gar nicht so ungewöhnlich, das war in den 1960er Jahren durchgängig an der Tagesordnung.

Geht es um Schläge oder sexuelle Gewalt?

Vanderbeke: Eindeutig um beides, das war und ist nichts Unübliches übrigens.

War es Ihnen wichtig, das in diesem Buch aufzuarbeiten?

Vanderbeke: Dann hätte ich aber sehr lange dazu gebraucht, ich werde jetzt 60. Es war mir sehr wichtig, das zu erzählen, weil die Verrohung in den letzten 20 Jahren unmerklich, aber extrem zugenommen hat. Die Verrohung auf der einen Seite und die selektive Wahrnehmung von schrecklichen Dingen auf der anderen Seite.

Denken Sie wirklich, dass sich nichts geändert hat seit den 1960er Jahren?

Vanderbeke: Ja, das denke ich, jedenfalls was die Gewalt betrifft. Die Brutalisierung unserer Wahrnehmung beschäftigt mich. Dass wir zum Beispiel völlig ungerührt hören, dass in einem Monat 750 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Auch ich höre es letztlich ungerührt. Oder dass dreizehntausend Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze im Dreck sitzen, wen berührt denn das?

Von den Kriegen gar nicht zu reden.

Wie nehmen Sie die deutsche Debatte um die Flüchtlingskrise wahr?

Vanderbeke: Im Augenblick nehme ich sie nur medial wahr. Frankreich hat ja keine Flüchtlingskrise, weil keine Flüchtlinge im Land sind, außer natürlich im Norden in Calais. Es werden keine reingelassen, also kommen sie auch nicht vor.

Sie waren selbst Flüchtlingskind und beschreiben das Gefühl der Fremdheit. Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich zu Hause gefühlt haben in Westdeutschland?

Vanderbeke: Ich habe mich in Deutschland nie zu Hause gefühlt. Ich bin auch im ersten praktikablen Moment gegangen.

Hatte das auch etwas mit der Wiedervereinigung zu tun?

Vanderbeke: Ich saß 1989 in Frankfurt am Main, sah die Bilder im Fernsehen und dachte: Ach du Schreck! Dass der Osten nicht integriert, sondern absorbiert wurde, kannte ich ja schon. Da dachte ich, ich komme in diesem Land nicht mehr an. Dann lieber ganz woandershin gehen, wo ich mich nicht nur fremd fühle, sondern auch fremd bin.

Lebt es sich in Südfrankreich so schön, wie man sich das vorstellt, wenn man da Urlaub macht?

Vanderbeke: Einerseits ja. Andererseits leben wir in einem der ärmsten Departements in Frankreichs. Das Paradies ist hier auch nicht.

Von Petra Haase

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