Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur „Ich hatte eine Tonne Bier überm Kopf“
Nachrichten Kultur „Ich hatte eine Tonne Bier überm Kopf“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:02 16.05.2018
Sandra Hüller und Franz Rogowski in dem Film „In den Gängen“ Quelle: Foto: Zorro Film
Cannes

Franz Rogowski (32) ist der Shootingstar des deutschen Films. In seinem aktuellen Film „In den Gängen“ von Thomas Stauber nach einem Drehbuch von Clemens Meyer spielt er neben Sandra Hüller („Toni Erdmann“). Im Interview erzählt er vom Gabelstaplerfahren und dem magischen Moment einer Nachricht von Terrence Malick auf dem Anrufbeantworter.

Enkel des früheren BDI-Präsidenten

Der Sohn eines Kinderarztes und einer Hebamme wuchs in einem bürgerlichen Umfeld in Tübingen auf. Mütterlicherseits ist Franz Rogowski Enkel des früheren Präsidenten des mächtigen Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski.

Sie waren bereits Fahrradbote, Antiquariatsgehilfe, Choreograf – und haben sogar eine Clowns-Ausbildung absolviert: Fällt es Ihnen eigentlich schwer, sich für eine Sache zu entscheiden?

Franz Rogowski: Ich wollte früh weg von der Schule – und ich hatte immer das Ziel, das gut zu tun, was ich tue. Die Straßenjonglage hat mich zu meinem ersten Filmfestival gebracht: In Locarno bin ich mit einem Freund bei Vorführungen unter freiem Himmel aufgetreten. Damit haben wir uns so um die 300 Euro am Tag verdient.

Und waren Sie immer in allem gut?

Als Straßenmusiker war ich so grauenhaft, dass die Leute mir Geld gegeben haben, damit ich aufhöre. Dann wollte ich malen, habe mit meiner Mappe aber an keiner Akademie landen können. Dann bin ich als Tänzer ans Theater gegangen – vier, fünf Jahre lang.

Warum haben Sie aufgehört?

Als Tänzer arbeitet man für einen Regisseur, der sich zuerst einmal durch Sprache ausdrückt. Ein Tänzer ist eher ein Stimmungsmacher, so wie eine Nebelmaschine oder ein besonderes Licht auf der Bühne. Während der Schauspieler monologisiert, zappelt man im Raum herum und verbildlicht das über den Text Transportierte. Das kann durchaus schön sein, hat bei mir aber dazu geführt, dass ich mit dem Regisseur etwas Sprachliches entwickeln wollte.

Ganz offen gefragt: Von Ihrem Lispeln haben Sie sich nicht abschrecken lassen?

Das ist inzwischen ein echtes Qualitätsmerkmal. Mit Gütesiegel.

Gelobt werden Sie von Ihrem Regisseuren besonders für Ihre Körperlichkeit: Ist diese ein weiteres Qualitätsmerkmal?

Hängt vom Regisseur ab. Mit Thomas Stuber in „In den Gängen“ habe ich beinahe schon choreografisch gearbeitet. Dieses Ballett von Gabelstaplern in einem ostdeutschen Großmarkt führt zu einer bestimmten Spielweise. Auch Christian Petzold war bei der Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“ so genau in seiner Arbeitsweise, dass im Zusammenwirken mit uns Schauspielern seine ganz eigene Handschrift erkennbar wird.

Wie war das, sich in „Transit“ in einen Flüchtling zu verwandeln?

Die Vorbereitung auf eine Rolle ist in verschiedene Abschnitte unterteilt: Es gibt die Phase der rationalen Überprüfung des Angebots, in diesem Fall also eines Romans von Anna Seghers und eines Drehbuchs von Christian Petzold. Danach stellt sich die Frage: Wie kriege ich die Träume und Ängste der Figur in den eigenen Körper? Von da an darf ich nicht mehr kalt und intellektuell rangehen. Am Ende besteht die Figur aus Körper und Emotionen. Ich spiele keinen Geflüchteten, ich spiele einen Menschen auf der Flucht.

Was für ein Typ ist der Gabelstaplerfahrer Christian, den Sie in „In den Gängen“ spielen?

Christian ist der „Neue“ im Großmarkt. Er ist nervös und muss vieles lernen, eben auch seinen Job in der Nachtschicht. Für mich als Schauspieler hatte das etwas unglaublich Konkretes: Ich habe den Gabelstapler-Führerschein gemacht. Dann hatte ich eine Tonne Bier überm Kopf. Wenn Du fünf Lagen Bierkästen über dir spürst und die runterkommen könnten, verlangt das eine besondere Konzentration.

Als ich das erste Mal drauf saß, habe ich auch prompt ein Gewürzregal überfahren.

Steigen Sie nach Drehschluss ganz und gar aus der Rolle aus?

Ja, ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, dass ich nicht mehr rauskomme aus der Figur. Den Ansatz, sich komplett in einer Figur zu verlieren, habe ich noch nicht ausprobiert. Dann besteht auch die Gefahr, dass man mit sich allein spielt und nicht mehr empfänglich ist für Dinge von außen.

Demnächst sind Sie unter der Regie einer lebenden Legende zu sehen: Sie spielen in Terrence Malicks „Radegund“, einem Drama über den österreichischen NS-Widerständler Franz Jägerstätter: Wie haben Sie es auf die Besetzungsliste geschafft?

Malick hat mich angerufen und mich gefragt, ob ich mitmachen möchte.

Der große Kinorätsler, der Geheimnisvolle, klingelt mal eben bei Ihnen durch?

Er war auf der Mailbox, ich bin leider nicht rangegangen.

Flunkern Sie jetzt?

Glauben Sie mir nicht? Warten Sie, einen Augenblick, ich habe die Aufnahme noch.

Okay, ich glaube Ihnen: Was können Sie uns über Malick verraten?

Gar nichts – darf ich laut Vertrag nicht.

Dann geben Sie dem Nachwuchs einen Tipp, wie man es als 32-jähriger Schauspieler dazu bringt, von Terrence Malick angerufen zu werden.

Man existiert in diesem Beruf gar nicht, wenn man nicht gesehen und inszeniert wird. Deshalb rate ich jedem, sein eigenes Ding zu machen. Probiert Euch aus! Schreibt Euch selbst ein Stück! Begebt Euch in die freien Theater!

Interview von Stefan Stosch

Mit dem diesjährigen Festival verabschiedet sich Jochen A. Modeß als künstlerischer Leiter

16.05.2018

Mit dem diesjährigen Festival verabschiedet sich Jochen A. Modeß als künstlerischer Leiter

16.05.2018

Wittgenstein, Heidegger, Benjamin, Cassirer – ein wunderbares Buch über vier Denker und ihr Werk.

16.05.2018
Anzeige