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„Ich wollte wirken!“

Born „Ich wollte wirken!“

Der Maler und Filmemacher Strawalde alias Jürgen Böttcher wird 85 Jahre. Ab morgen sind neue Bilder in der Galerie Born zu sehen.

Born. Strawaldes Malerei ist physisch. Allein schon wegen der Größe mancher. Wer diese Leinwände von mehr als zwei Meter Höhe füllt, braucht Kraft, Energie. Und Durchhaltevermögen. Das hat Strawalde seit achteinhalb Jahrzehnten. Heute feiert er seinen 85. Geburtstag.

Und wie er diese Leinwände füllt. Strawalde ist ein Meister der Gegensätze. Kleinteiliges, Zeichenhaftes trifft auf Flächiges, klassische Malerei auf Collage und Zeichnung. Grenzen, Tabus gibt es nicht bei Strawalde. Dieser Eigensinn führt nicht zu Beliebigkeit, sondern zu Werken mit hohem Wiedererkennungswert.

Strawalde, das ist Jürgen Böttcher. Geboren wurde er 1931 in Frankenberg in Sachsen. Aufgewachsen ist er in dem Dorf Strahwalde, das der Künstler zu seinem Pseudonym machte. Böttcher studierte ab 1949 Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Als der ein Jahr jüngere Maler Gerhard Richter 1951 sein Kommilitone wurde, hatte Strawalde schon seinen Ruf als unbotmäßiger „Formalist“ weg – und wirkte prägend als Lehrer auf jüngere Künstler wie A.R. Penck. Desillusionierung setzte ein. „Wenn man nicht den Dreck malte, den die verlangten, galt man eben als Formalist“, sagt Strawalde. „Und dadurch wusste ich, mit mir wird gar nichts. Die stellten mich nicht aus.“

Doch Böttcher strebt in die Öffentlichkeit. „Ich habe gemerkt, ich kann nicht wirken. Ich wollte aber wirken!“ Geprägt von seiner Kriegserfahrung, als er als „Nazi-Junge“ tote Soldaten begraben musste, wollte er für einen Staat einstehen, von dem kein Krieg mehr ausgeht. Böttcher sah englische und italienische Dokumentarfilme. „Das sind ja auch Bilder“, sagt er sich. „Nur mit Ton.“ Ab 1955 studierte er in Babelsberg Regie. Wiederum hielt Böttcher sich nicht an die Doktrin des Sozialistischen Realismus. Mit der Kamera schaute er der Wirklichkeit ins Auge, auch in Rostock und Prerow.

Das kam nicht gut an. „Drei von vielen“ (1961) – verboten. „Barfuß ohne Hut“ (1964) – verboten. 1965 Böttchers erster Spielfilm. „Jahrgang 45“, ein sommerleichtes Meisterwerk mit Rolf Römer als Bonvivant – verboten. „Das war die Heroisierung des Abseitigen“, wiederholt Böttcher das Urteil von damals.

Er durfte über Jahre das Filmstudio nicht betreten. Die Malerei wurde wichtiger. „Die Bilder haben mich getröstet.“ In den Westen zu gehen, kam für ihn nicht infrage. „Ich wollte nicht in einem Land sein, in dem IG Farben oder Krupp wieder groß sind, die Milliarden an den Kriegen gewonnen haben.“

Die Anerkennung kam spät, aber massiv. 1986 zeigte das Centre Pompidou in Paris eine Retrospektive seiner Filme. Dann Edinburgh. 1992 heftete ihm der französische Präsident François Mitterand den Verdienstorden an die Brust. 2001 bekam er von Gerhard Schröder, der sich für Strawaldes Bilder begeistert, den Verdienstorden erster Klasse. 2006 ehrte ihn die Berlinale. Die Neue Nationalgalerie in Berlin, das Albertinum in Dresden zeigen seine Bilder. Fast noch wichtiger: Jungen Filmemachern ist Böttcher/Strawalde Vorbild.

Wenn Strawalde morgen in der Galerie Born auf dem Darß seine Geburtstagsausstellung eröffnet, sind frische Zeugnisse seiner unerschöpflichen kreativen Energie zu sehen, lauter turbulente, stimmige Arbeiten.

Einblicke in Strawaldes filmisches Schaffen gibt das Kunstmuseum Ahrenshoop am 13. Juli mit dem Spielfilm „Jahrgang 45“, am 27. Juli folgen drei Dokumentarfilme. Strawalde will dabei sein.

Matthias Schümann

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